Petra Wenzel

Unternehmerin

Petra Wenzel ist leidenschaftliche Gärtnerin und betreibt einen Concept Store für Gartenliebhaber in Düsseldorf: THE GOLDEN RABBIT.

PV:
​Frau Wenzel, wir stehen in ihrem Laden und staunen über seine Schönheit. Warum im digitalen Zeitalter ein richtiger Laden und nicht einfach nur einen Onlineshop?
PW:
​​Eigentlich sollte der Golden Rabbit in der Tat nur ein Onlineshop werden. Aber als wir das Lager mieten wollten war da dieser Laden mit dabei und schwups – hatten wir auch ein Ladengeschäft! Das ist bei Licht besehen ein Glücksfall, denn ich treffe hier viele Menschen wieder, die ich schon als Ausstellungmacher im NRW-Forum getroffen habe. Eine nette Community! Der webshop brauchte einige Zeit um anzulaufen – aber seit einem Jahr wächst und blüht er, und der Laden hier, der bleibt wie er ist.
PV:
​​​​Jetzt wollen wir ja ein Interview führen über Leidenschaften. Ist es so, dass das Gärtnern Ihre zweite Leidenschaft ist und die erste die Kunst war?
PW:
​​​Ich gehöre zu den Menschen, die Alles leidenschaftlich betreiben oder es eben nicht tun. In meiner Jugend habe ich immer die Freunde beneidet die ganz genau wussten was sie werden wollten. Ich wusste immer nur, was ich nicht werden wollte – das aber leidenschaftlich! Ich mag Sprachen – und weil ich damals Japan spannender als Russland fand, habe ich Japanologie und Betriebswirtschaft studiert. Damals konnte man das in dieser Kombination nur in Berlin studieren – ein weiteres gutes Argument für dieses Studium.
PV:
​​Aber Betriebswirtschaftslehre ist doch eher trocken?
PW:
​​

Ich gehöre zu den Menschen, die Alles leidenschaftlich betreiben oder es eben nicht tun.

​​Ja, das stimmt – zudem habe ich dann kurz vor dem Ende des Studiums doch realisiert, dass die Vorstellung als deutsche Managerin in Japan zu arbeiten, nicht ganz so leicht umzusetzen ist. Ich bekenne mich schuldig: ich bin ein Studienabbrecher. Irgendwann hat eine Freundin zu mir gesagt: warum gehst du nicht in die Werbung. Das schien mir eine gute und lustige Idee zu sein – Fotoshootings in der Südsee, tanzende Zahnpastatuben … ganz nach meinem Geschmack. Gesagt – getan – und so bin ich in Düsseldorf gelandet und habe nach dem Studium noch einmal eine Ausbildung in der Werbung gemacht und dann lange, schöne Jahre als Etatdirektor für eine Vielzahl von Kunden gearbeitet.

PV:
​Wo bleibt denn da die Leidenschaft für das Gärtnern?
PW:
Ich bin in Gärten groß geworden. Mein Großvater war passionierter Gärtner, meine Mutter ist Gärtnerin mit Leib und Seele. Ich kann Bäume auch im Winter benennen, mit der Sense umgehen und weiß welche Pflanzen wo wachsen, was man essen kann und was besser nicht. Ich weiß wie schön es ist, still auf einem Gartenweg zu sitzen und zu hören wie alles um einen herum arbeitet und summt. All das habe ich von den beiden gelernt und für die Anstiftung zu dieser Leidenschaft bin ich meinem Großvater und meiner Mutter wirklich mächtig dankbar. Als ich dann der Arbeit halber nach Düsseldorf gezogen haben mir das Grün und der Garten immer gefehlt.
PV:
​​​Gibt es hier keine Natur?
PW:
​​​​Natürlich, aber schon eher in kleineren Dosierungen. Für den Rheinländer ist Wildnis ja der Grünstreifen zwischen der Tankstelle und dem Fußgängerweg.
PV:
​​​Wie ist denn dann die Kunst zu einer Leidenschaft geworden?
PW:
​​​​Kunst ist neben dem Gärtnern in der Tat eine meiner großen Leidenschaften. Und dass ich mich, in den vielen Jahren, in der wir als externe Direktoren und Ausstellungleiter das NRW-Forum in Düsseldorf betreut haben, so viel mit ihr beschäftigen durfte, war ein echtes Privileg. Der Kunstbetrieb mag manchmal ein wenig gewöhnungsbedürftig sein. Mit Künstlern zu arbeiten ist immer spannend, manchmal auch witzig, auf jeden Fall aber voller Überraschungen.
PV:
​​​Nach den vielen Jahren im NRW-Forum war sie dann wieder da, die Leidenschaft fürs Gärtnern?
PW:
​​Wenn ich nun beim Reden denke, dann ist es vielleicht schon so, dass das Buddeln in der Erde, das Pflanzen und Hegen die einzige Leidenschaft ist, die mich mein Leben lang begleitet hat. Eine ongoing passion sozusagen.
PV:
​​​Wie kam es denn zu dem Laden?
PW:
​​Als wir unsere Arbeit für das Forum NRW beendeten, hatten wir eine Leere, die man eben hat, wenn man etwas beendet, in das man zuvor viel Zeit und Kraft gesteckt hat. Erst macht man eine Zeit lang nicht so viel, räumt im Archiv und im Leben ein wenig auf und dann fängt man wieder an sich neue Projekte zu überlegen. Zu viel freie Zeit ist eben auch langweilig. Also haben wir uns gefragt: “ Was tun?“. Da fällt einem dann als erstes wieder eine Galerie ein.
PV:
​​​Irgendwie das gleiche Geschäft wie im Museum, oder?
PW:
​​

Wenn ich nun beim Reden denke, dann ist es vielleicht schon so, dass das Buddeln in der Erde, das Pflanzen und Hegen die einzige Leidenschaft ist, die mich mein Leben lang begleitet hat. Eine ongoing passion sozusagen.

​​Ja, das ist uns dann noch rechtzeitig klar geworden. Eines Tages – als wir wieder in Düsseldorf waren, war ich in einem Gartencenter und dachte mir: man müsste eigentlich einen Laden machen, in dem man alle Gartenwerkzeuge – vor allem Scheren – anfassen und ausprobieren kann. In dem man ausgesuchtes Garten-Werkzeug aus der ganzen Welt und von bester Qualität bekommt. Und weil ich ja viel Zeit hatte habe ich mich hingesetzt und recherchiert wer denn eigentlich der beste Hersteller von Gartengeräten ist. Sie sollten unbedingt von Hand gefertigt und über dem Feuer geschmiedet sein, denn solch ein Gerät hält ein Gärtnerleben lang. Gefunden habe ich dann die kleine Manufaktur Sneeboer. Die sitzen wirklich am Ende der Welt in Holland. Ich habe eine Mail an Sneeboer geschrieben, die ungefähr so lautete: Dear Mr. Sneeboer, I have a beautiful garden shop online and I would like to sell your amazing tools. – Tatsächlich war der Gartenladen in diesem Moment noch eine Idee und noch recht weit entfernt von der Realisation. Am nächsten Tag kam eine Antwort, mit ungefähr diesem Inhalt: „Geehrte Frau Wenzel, ich kann nicht jedem, der mir nachts eine E-Mail schreibt und meint meine schönen Produkte vertreiben zu wollen, eine Vertriebslizenz geben. Ich bedauere sehr Ihnen nicht weiterhelfen zu können – Ihr Jaap Sneeboer“ Das hat mich mächtig angefressen und meinen geballten Ehrgeiz entfacht. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind in die Manufaktur in diesem letzten Winkel Hollands gefahren. Gelandet sind wir in einer umwerfend kleinen Fabrik die noch über Feuer schmiedet und mit 13 sehr netten Angestellten, die alle Sneeboer heißen.

PV:
​​Und wie ist es ausgegangen?
PW:
​​Wir kamen da an, ich wollte die Idee hinter dem Golden Rabbit präsentieren, aber der Herr Sneeboer sagte, ach nein, das brauchst du gar nicht, die Tatsache, dass du hergekommen bist ist super und reicht völlig. Damit waren wir stolze Sneeboer-Händler und dann gab es kein zurück mehr.
PV:
​​​Sind denn so Leute wie Prinz Charles oder Derek Jarman Vorbilder für Gartenliebhaber?
PW:
​​​

Studien sind zu dem Ergebnis gekommen das beim Gärtnern Glückshormone ausgeschüttet werden.

​​Für Gartenliebhaber gibt es viele Vorbilder! Viele wilde und eigensinnige Menschen haben die irrsten Gärten erschaffen. Derek Jarman mit seinem Prospect Garden, der auf eine spröde Art wunderschön ist, ist auf jeden Fall ein Vorbild. Prinz Charles – auch wenn ich nicht immer mit ihm in eine Richtung rudere – ist es interessanterweise auf seine Art auch. Aber natürlich auch Las Pozas von Edward James oder Great Dixter von Christopher Lloyd oder natürlich auch Klassiker wie Sissinghurst von Vita Sackville-West und Harold Nicolson oder die umwerfenden Gärten, die Piet Oudolf pflanzt. Es gibt wirklich viele, viele Vorbilder. Wir Deutschen tun uns ja mit dem Gärtnern ein wenig schwer. Zuerst hat der 2. Weltkrieg bei uns die Gartenkultur ruiniert. In den Nachkriegsjahren wurde gegärtnert um was zu essen zu haben. Die Frauen mussten einkochen um Vorräte anzulegen. Als das nicht mehr notwendig war, war der Garten als Ort der Kontemplation und der Schönheit verloren. Kaum regte sich etwas im deutschen Garten kamen die 68er, für die Garten und Gartenarbeit Spießertum par excellence waren. Davon haben wir uns lange nicht erholt. Danach kam die dritte Welle, die Öko-, Bio-, Lila-Latzhosenwelle in der alles biodynamisch und ganz genau gemacht werden musste und in der die pure Schönheit auch nicht wirklich etwas zu suchen hatte. Wir machen es uns halt gerne schwer, wir Deutschen.

PV:
​​​Ist Gärtnern eine Kunst? Ein Handwerk?
PW:
​​Gärtnern ist Handwerk und Intuition. Aber es kann auch mehr sein. Richtig großartige Gärtner erschaffen eine Arbeit, wie es auch ein Bildhauer tut. Sie lassen ein Bild unter ihren Händen wachsen. Nicht sofort sondern mit der Zeit. Natürlich ist nur Kunst Kunst – ich bin kein Freund davon, das heutzutage alles Kunst ist und jeder ein Künstler. Aber es ist, finde ich, nicht erstaunlich, das viele echte Künstler auch passionierte Gärtner sind.
PV:
​​​​Ist das so?
PW:
​Ja, es gibt wirklich viele – auch viele Modeschöpfer übrigens. Der vorhin schon genannte Garten von Derek Jarman ist ein gutes Beispiel. Manolo Blahnik ist ein großer Gartenliebhaber, oder der Garten von Jacques Majorelle in Marrakesch, den später Ives Saint Laurent und sein Mann Pierre Bergé übernommen haben, die Blumebeete von Sol LeWitt … die Liste ist wirklich lang
PV:
​​​​Gibt es Naturgesetze, die man durch das Gärtnern kennenlernt, die sich auf das Leben übertragen lassen?
PW:
​​Ja, es gibt ein ganz Großes und das lautet: Du selbst bist nicht wo wichtig wie du immer meinst. Als Gärtner macht man einen Plan – in der Regel kommt es aber anders – das ist eine wunderbare Schule für Geduld.
PV:
​​​Das lerne ich, indem ich im Garten arbeite?
PW:
Vielleicht lernt man es ein wenig schneller wenn man eine Frau ist.

​Ja, vielleicht lernt man es ein wenig schneller wenn man eine Frau ist, Männer brauchen für diese Erkenntnis machmal ein bisschen länger. Männer lieben Rasen. Das ist so. Ich denke, es liegt daran, das Männer Chaos nicht so gut aushalten. Sie möchten gerne, dass sich alles so verhält wie sie es sich ausgemalt haben. Das ist eine schwierige Grundhaltung für das Gärtnern, denn die Natur fühlt sich nicht unbedingt dazu berufen einen Plan zu erfüllen. Dazu kommt, dass ein schöner Rasen wirklich zu den Königsdisziplinen im Garten gehört. Das ist eigentlich wirklich nur was für unermüdliche Gärtner.

PV:
​​​Neigen Männer auch eher zu Gärten die mit Schieferkies aufgeschüttet werden, damit nur die eine Pflanze rauskommt?
PW:
​​

Wenn man Glück hat, ist der Garten wie ein guter Kumpel.

​Hier muss ich die Männer in Schutz nehmen. Die Unsitte des „Zukiesens“ ist nicht genderspezifisch. Es ist vermutlich eher der Ausdruck einer Hilflosigkeit und vielleicht einer gefühlten Überforderung. Die Menschen möchten gerne einen „ordentlichen“ Vorgarten, der keine Arbeit macht. Der Garten wird wie ein Fertigmenu aus der Tiefkühltruhe gedacht: Kies drauf, japanischer Ahorn rein, Buddha drauf – und schon ist es ein gestalteter „Zen-Garten“, gegen den niemand etwas sagen kann. Ein Kollege nennt das „Vorgärten des Grauens“ und tatsächlich sind sie eine Verkettung von Missverständnissen: mit den Jahren sammelt sich zwischen dem Kies wieder Erde an – die wird von den ersten Pflanzen besiedelt (denn die Natur will alles besiedeln – und nimmt da auch keine Rücksicht auf vermeintliche Zen-Gärten) und das Jäten zwischen Kies ist wirklich schwer. Und wer einmal einen echten japanischen Garten gesehen hat, der erkennt auch sofort, dass diese Gärten dem Ziel der vertieften Wahrnehmung und Meditation nicht dienen können. Dazu sind sie schlicht nicht harmonisch, nicht perfekt genug. Es gibt keinen Garten ohne ein Commitment des Gärtners.

PV:
​​​Heißt das im Umkehrschluss, ein Garten ist eigentlich gar nicht planbar?
PW:
​Ein Garten ist lenkbar und ja – man kann (und sollte) ihn planen. Wenn man Glück hat, ist der Garten wie ein guter Kumpel und man kommt gut miteinander aus.
PV:
​​​​Was ist mit dem Kampf gegen das Unkraut?
PW:
​​​Ein ewiges Thema. Es gibt zwei Schulen. Die wirklich guten Gärtner pflanzen so, dass das Beikraut minimiert wird. Ein guter, eingewachsener Staudengarten ist so zugewachsen, dass er dem Unkraut kaum Platz lässt. Selbst dann kommt noch mal ein Giersch dazwischen, aber es ist nicht mehr vergleichbar mit den großen, freigehackten Flächen. Wie ich schon vorhin gesagt habe: die Natur will besiedeln – unser ästhetisches Empfinden ist ihr schnuppe.
PV:
​​​Und die andere Schule?
PW:
​​​​Das sind Gärtner, die bewusst mit dem wild wachsenden Kräutern gestalten, das finde ich auch spannend. Ich war mal auf einer Bundesgartenschau, auf der die Gärtner in einem sehr lichten Wald in ein riesiges Gierschfeld einfach unzählige Alium gesetzt hatten. Das sah atemberaubend aus. Der Giersch ist ja, wenn er jung ist, wunderschön hellgrün, er wächst berechenbar hoch und ergibt eine ziemlich glatte Fläche, fast einen Spiegel und dieses Alium stand majestätisch drüber mit seinen prächtigen blauen Pompons. Das war magisch.
PV:
​​​Gibt es Unkraut überhaupt?
PW:
​​Also das ist eher eine Frage der Definition. Unkraut ist ja nur deshalb Unkraut, weil wir es da nicht haben wollen, wo es gerade ist. Abgesehen davon kann man Giersch lecker essen, im Spinat, im Salat oder in einer Suppe. Man kann auch grüne Sauce daraus machen.
PV:
​​​​Gelingt Ihnen alles, was Sie anfassen?
PW:
​​Nein. Leider nicht – aber je mehr man macht, umso mehr gelingt. Ich pflanze auch gerne mal Pflanzen an Stellen an denen ich beim Pflanzen schon weiß, dass das eine dämliche Idee ist.
PV:
​​​​​Was lernt man durch die Gärtnerei?
PW:
​​​

​Gärtnern ist Handwerk und Intuition.

​Also ich finde man lernt Demut, was generell im Leben nicht die schlechteste Lehre ist. Man lernt zu verstehen, dass wir Menschen zwar sicherlich ziemlich großartig sind, dass es aber noch jede Menge kleine, kleinste und allerkleinste umwerfende Sensationen, Fähigkeiten und Schönheiten gibt.

PV:
​​​​Ist es beim Gärtnern wie bei jedem Handwerk, dass das richtige Werkzeug wichtig ist oder reicht der Löffel?
PW:
​​Die Hände sind schon einmal ein ziemlich gutes Werkzeug. Ein Löffel ist auch nicht übel … aber ich würde sagen man sollte sich ein Mal im Leben folgendes kaufen: eine gute Schere, eine gute Handschaufel oder Handgabel. Wer richtig graben will braucht noch einen Spaten, wer einen großen Garten hat noch eine kleine japanische Säge, eine Sichel und eine Harke. Damit ist man schon ziemlich gut ausgestattet.
PV:
​​Viele Menschen sagen, dass Gartenarbeit sie glücklich oder zufrieden macht. Woran liegt das?
PW:
Studien sind zu dem Ergebnis gekommen das beim Gärtnern Glückshormone ausgeschüttet werden. Ich denke, wir sind so glücklich wenn wir im Boden graben, weil das einfach unser Erbe ist. Wir denken zwar über Flugtaxis nach und darüber ob wir uns demnächst Computerchips zur Selbstoptimierung unter die Haut pflanzen lassen sollen – aber evolutions-technisch sind wir doch noch näher an dem Buddeln in der Erde als manchem lieb ist. Der Geruch von Erde oder frisch gemähtem Gras macht uns einfach noch glücklicher als der Duft einer heiß gelaufenen Platine.
PV:
​​Jetzt läuft The Golden Rabbit als Laden und Onlineshop seit über zweieinhalb Jahren. Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der sagt, so was will ich auch machen?
PW:
​​​Na dann – mach es.
PV:
​​​​Würden Sie es noch mal machen?
PW:
​​​​Vermutlich ja. Das Dumme ist nur, dass ich nicht mehr so viel in meinen eigenen Garten komme. Darüber habe ich bei all der Planung leider nicht sorgfältig genug nachgedacht.
PV:
​​​Frau Wenzel, vielen Dank dieses ausführliche Gespräch.