Marcel Abel

Geschäftsführender Direktor der Jones Lang LaSalle SE

Solange er denken kann waren Immobilien sein Thema. Aus Begeisterung ist Leidenschaft geworden mit klarem Fokus auf Lage – Konzept – Timing.*

PV:
​Sie sind geschäftsführender Direktor der Jones Lang LaSalle SE, sind im Gutachterausschuss für Grundstückswerte in der Landeshauptstadt Düsseldorf, aktiver Schütze, Karnevalist, Buchautor und Familienmensch. Wo liegt Ihre Leidenschaft?
MA:
Im Neuen, in der Neugier auf viele verschiedene Themen.
PV:
Hat der Begriff Heimat Bedeutung für Sie? Und wenn ja, wo ist Ihre?
MA:
Mir sind Freunde und Familie sehr wichtig.
​Viele empfinden den Ort als Heimat, an dem sie wohnen, auch wenn sie gerade zugezogen sind. Bei mir ist es deutlich anders. Ich war nie aus Düsseldorf weg, ich bin hier geboren, dreimal umgezogen, davon zweimal auf derselben Straße. Wenn wir heute junge Mitarbeiter einstellen, dann sind das hervorragend ausgebildete, junge Professionals, die mehrere Sprachen sprechen, mindestens ein Auslandspraktikum absolviert oder im Ausland studiert haben und schon viel von der Welt kennen. Da steche ich mit meiner Heimatverbundenheit deutlich heraus. Mir sind Freunde und Familie sehr wichtig. Ein Netzwerk, wie ich es habe, und dieses vertrauensvolle Miteinander bekommt man über die Jahre wahrscheinlich besser hin, wenn man an einem Ort tief verwurzelt ist. So wie ich in Düsseldorf am Rhein.
PV:
Wo sehen Sie die Zukunft der Immobilienbranche - in Vertical Forrests, in Coworking Spaces, in Häusern aus dem 3D-Drucker?
MA:
Dieser Trend zeigt auch, dass die Menschen in Zukunft nicht allein vom heimischen Küchentisch aus arbeiten werden, denn Menschen brauchen den Austausch mit anderen Menschen.
Das ist eine komplexe Frage und spiegelt wider, wie spannend die Zeiten sind. Wir erleben eine Abwendung von den klassischen Büro-, Geschäfts- und Wohnsilos hin zu sogenannten Multi-Use-Gebäuden. Eines der ersten Beispiele in Düsseldorf war der Breidenbacher Hof - Hotel, Einzelhandel, Wohnen und Büro in einem Gebäude. Die Auflösung der Silos ist ein Trend und Flexible-Office-Spaces das neue Thema. Dazu gehören Schlagwörter wie Co-Working, New Work, Smart- oder Learning Offices. Aber was macht das Thema Flexible-Office-Spaces mit dem Markt? Es eröffnet Möglichkeiten. Während beispielsweise ein Anwalt, vielleicht mit einem Mitarbeiter und einer Assistentin, früher gar keine Chance hatte, sich im Dreischeibenhaus einzumieten, geht das auf einmal mit Flexible-Office-Space. Das heißt, Kleinstunternehmer können sich heute auch in einem Dreischeibenhaus niederlassen und die gleiche Infrastruktur und die gleichen Austauschmöglichkeiten nutzen wie ein großes Unternehmen. Der Trend ist an der erhöhten Nachfrage abzulesen und das verbindende Element heißt Kommunikation. Das ist zum Beispiel für Konzerne ein Grund, in Flexible-Office-Spaces zu gehen. Weil viele Konzerne keine Forschungsabteilungen mehr haben, docken sie lieber an ein Start-Up an - das ist preiswerter und bei Erfolg kann das Start-Up übernommen werden. Dafür werden über Plattformen oder Veranstaltungen Kontakte geschaffen und dann reden auf einmal alle miteinander, es kommen im Idealfall Gespräche zustande wie: „Ach Mensch, das ist ja interessant, wir haben Interesse an euch oder du kannst bei uns anfangen“. Das gab es vorher in dieser Form nicht. Dieser Trend zeigt auch, dass die Menschen in Zukunft nicht allein vom heimischen Küchentisch aus arbeiten werden, denn Menschen brauchen den Austausch mit anderen Menschen. Deswegen werden wir zukünftig eine Vermischung von Arbeits- und Wohnwelten sehen, in der das Arbeiten zwar im öffentlichen Raum stattfindet, man sich aber auch zurückziehen kann.
PV:
Was ist mit Häusern aus dem 3D-Drucker?
MA:
Die kommen mit Sicherheit, allerdings nicht im Bürobereich. Ich sehe das in Gebieten, wo man vielleicht schnell und unmittelbar preiswerten Wohnraum zur Verfügung stellen möchte.
PV:
Welche Rolle spielt die Ästhetik bei Ihrer Arbeit?
MA:
​​​Für mich persönlich eine große. Jeder hat eine Meinung zur Ästhetik, im Positiven wie im Negativen. Es begeistert mich, wenn etwas wirklich gut gelungen ist. Das kann das Bauwerk selbst sein oder wie es sich in sein Umfeld einfügt.
PV:
​​​Kann man heute schon ein virtuelles Büro mieten? Und wie geht das?
MA:
​​​Da gibt es zwei Perspektiven: Virtuell bedeutet in unserer Definition, dass man keinen realen Schreibtisch, aber einen Briefkasten oder eine Telefonassistenz hat. Diese kann dann beispielsweise als erste Anlaufstelle Termine koordinieren.
PV:
​​Und die andere Bedeutung?
MA:
​​Die VR-Brille, die im Marketing heute tatsächlich schon ein übliches Tool ist. So werden Gebäude, Räume und Aussichten simuliert, die es real noch gar nicht gibt. Die Computersimulation hat das Exposé ersetzt.​
PV:
Kann ich im Voraus auch schon mieten?
MA:
Was wollen sie damit dann machen?
PV:
Ich hätte die Sicherheit, dass ich in vier Jahren, wenn ich das Büro brauche, in genau den Räumen bin, die ich jetzt sehen kann.
MA:
Dann wird es für sie gebaut. Genau. Bei der trivago-Zentrale war es tatsächlich so, bei SAP oder L’Oréal ebenfalls. Solche Konzerne besichtigen verschiedene Standorte in Düsseldorf, der eine Projektentwickler zeigte Pläne und der andere holt eine VR-Brille raus und sagt: „Sehen Sie, so könnte Ihr Büro aussehen.“ Daraufhin können sie theoretisch den Vertrag abschließen, aber viel wichtiger ist eine Mieterausbaubeschreibung, ein Mietvertrag, der Bauzeitenplan, etc. Aber bewegte 3D-Bilder erleichtern eindeutig die Entscheidung.
PV:
Wie wichtig sind in Ihrem Beruf Kontakte und Beziehungen?
MA:
​​​Sehr wichtig. Kontakte helfen, dass man schneller ins Gespräch kommt. Aber dann muss man sehr gute Inhalte liefern. Jemand möchte eine Leistung haben und als Dienstleister muss die Leistung wettbewerbsfähig erbracht werden. Sie muss qualitativ hochwertig und umsetzbar sein, sonst nutzt sich ein Kontakt schnell ab.
PV:
​​​Wollen sie für irgendetwas berühmt werden?
MA:
​​​
Es begeistert mich, wenn etwas wirklich gut gelungen ist.
​Ich möchte gerne etwas hinterlassen, auf das ich stolz sein kann. Zum Beispiel, indem ich helfe, meine Heimatstadt weiterzuentwickeln. Wir haben den Kö-Bogen von der Konzeption über die Vermietung bis hin zum Verkauf begleitet. Wir haben das Dreischeibenhaus verkauft und zum großen Teil vermietet. Wir haben die Gebäude der ehemaligen West-LB verkauft. Das waren Prozesse, die Düsseldorf vorangebracht haben. Und das macht mich stolz, denn ich kann das Ergebnis meiner Arbeit sehen. Das ist das reizvolle an meinem Job und mein enger Kreis weiß natürlich genau, was ich mache. Aber dafür berühmt werden, wäre übertrieben, denn am Ende des Tages bin ich Dienstleister.
PV:
Was ist Ihre Stärke?
MA:
​Ausdauer, Ehrgeiz, Verlässlichkeit. Man muss das einhalten, was man verspricht und auch dafür geradestehen, wenn etwas nicht gelingt.
PV:
Muss man dafür Menschen mögen?
MA:
​Ich glaube, dass man den Beruf als Dienstleister, als Vertriebler, als jemand, der jeden Tag mit Menschen zu tun hat, nur ausüben kann, wenn man Menschen mag und aufrichtig an ihnen interessiert ist. Sonst ist man fehl am Platz.
PV:
​​​Sie haben gesagt, Ihre Leidenschaft ist neugierig sein. Wie macht sich das im Alltag bemerkbar?
MA:
In der breiten Palette an Themen, die mich über mein Tagesgeschäft hinaus interessieren. Ich stürze mich auf Themen, in denen ich etwas bewegen kann.
PV:
​​​Und worauf richtet sich ihre Neugier am meisten?
MA:
Auf Immobilien, weil ich mich damit schon mein Leben lang beschäftige. Weil ich dort mehr Kenntnisse und Erfahrungen habe, erschließen sich die Zusammenhänge auch viel, viel schneller. Und das macht Spaß. Ansonsten bin ich offen für neue Anregungen, weil ich glaube, dass die helfen, kreativ zu sein. Kreativität ist nicht nur buntes Denken, sondern die Umsetzung von Vorstellungen, die man hat.
PV:
Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen? Welche Fähigkeiten? Welche Eigenschaften?
MA:
Die Computersimulation hat das Exposé ersetzt.
Offenheit. Die Immobilienbranche ist aus meiner Sicht deswegen so spannend, weil sie ein Schattendasein führt, obwohl sie mit nahezu allem verbunden ist. Mit Stadtentwicklung, mit Wohnen, mit Arbeitsplätzen. Immobilie kann Sicherheit bewirken, aber auch Ängste auslösen, Veränderungen von Städten geschehen meist durch Immobilien, die dann polarisieren. Die Immobilienwirtschaft ist facettenreich, denn man kann als Dienstleister über das Thema Bewirtschaftung von Gebäuden nachdenken, also das klassische Property Management, Facility Management. Man kann aber auch Immobilien bewerten, Immobilien vertreiben, also verkaufen oder vermieten. Man kann Financial- Engineering betreiben, Städte planen und so in vielen Themen eingreifen und trotzdem stehen wir nicht im Fokus. Wir haben einen Riesenbedarf an jungen Menschen, denen wir eine spannende Zukunft bieten können. Denn die Verdichtung von Großstädten wird uns vor immer neue Herausforderungen stellen.
PV:
Wenn sich das politische Umfeld einer Stadt, eines Landes verändert, verlieren sie dann Freunde oder gewinnen sie neue?
MA:
​Ich bin seit über 20 Jahren in Düsseldorf aktiv und in dieser Zeit gab es verschiedene politische Farben in der Stadt. Ich bin davon überzeugt, dass Qualität sich durchsetzt, dass sich Lösungen, die auf intelligenten Konzepten beruhen, einen Mehrwert darstellen und dass kluge Entwicklungen honoriert werden. Setzten früher alle auf Lage, Lage, Lage, dann lesen Sie das Wort mal von hinten und Sie wissen, dass es darum alleine nicht mehr geht. Heute geht es um Lage - Konzept - Timing. Ein Dreiklang, der in Düsseldorf zu einer erfolgreichen Veränderung der Stadt und des Stadtbildes geführt hat. Ein Dreiklang, dessen Initiierung mir sehr viel Spaß gemacht hat.
PV:
​​​Wenn sie nochmal neu entscheiden könnten, würden sie sich für einen anderen Werdegang entscheiden oder für den gleichen?
MA:
Also ich würde mich immer wieder für die Immobilienbranche entscheiden, ja! Ich würde vielleicht für eine gewisse Zeit ins Ausland gehen, weil das Interkulturelle immer wichtiger wird.
PV:
​​​Haben sie ein Lieblingsprojekt?
MA:
Ich möchte gerne etwas hinterlassen, auf das ich stolz sein kann. Zum Beispiel, indem ich helfe, meine Heimatstadt weiterzuentwickeln.
Ja. Ich bin ein ganz großer Fan der Düsseldorfer Innenstadt. Alles rund um den städtischen „Masterplan Kö-Bogen“ und diese Transformation, die die Stadt Düsseldorf mit allen Akteuren geleistet hat, ist sensationell. Eigentlich sind es drei Projekte: der Rheinufertunnel, der 1. und 2. Bauabschnitt der U-Bahn und das Gebiet des CBD (Central Business District), quasi unsere Innenstadt. Denn diese Infrastrukturmaßnahmen haben das Stadtbild so nachhaltig verändert, dass Düsseldorf Kaufkraft aus anderen Städten abziehen konnte. Mittlerweile ist sie in Düsseldorf höher als in Berlin. Der Rheinufertunnel hat bewirkt, dass die Stadt ganz nah an den Rhein gerückt ist und Aufenthaltsqualität sowie Erholungswert gestiegen sind. Der U-Bahn-Bau hat oberirdisch Freiräume geschaffen und die Massen an Pendlern funktional dirigiert. Der Kö-Bogen-Tunnel hat den hochfrequentierten Tausendfüßler ersetzt. Mit den „rheinischen Ramblas“ des Planers Juan Pablo Molestina hat er autofreie Bereiche für Menschen geschaffen, die dort verweilen, shoppen, essen und trinken können. Es gibt mehr Wasser und Grün als je zuvor. Viele ausländische Besucher kommen wegen der guten Infrastruktur, den tollen Häusern mit ihren sehr guten Konzepten. Und wenn man neben dem Steigenberger Parkhotel steht und dann auf den Kö-Bogen schaut, mit der Fassade des Dreischeibenhaus im Hintergrund, dann hat das schon etwas von einer Metropole. Diesen Blick liebe ich.
PV:
Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?
MA:
Mein Wunsch wäre, dass wir weiterhin so agil und aktiv daran arbeiten, uns zu erweitern, neu zu erfinden und zwar die ganze Stadtgesellschaft mit Politik und Rat. Ein weiterer Wunsch wäre die Öffnung der Stadt in Richtung Ruhrgebiet, denn wir brauchen die Ressourcen, die uns das Ruhrgebiet gibt. Ich meine damit das Thema Menschen, bezahlbarer Wohnraum, Fläche. Auch dafür braucht man wieder Infrastruktur, damit man diese Synergien besser nutzen kann.
PV:
Wo ist der Ursprung Ihrer Leidenschaft für Immobilien?
MA:
Bei uns Zuhause. Menschen treffen, vertrieblich unterwegs sein und das Thema Immobilie beschäftigte unsere Familie schon immer, vielleicht deswegen, weil man sieht, was man gemacht hat. Daher war für mich klar, dass ich in dieser Branche mein Berufsleben beginnen möchte - und habe es nie bereut. Ich fahre ja wirklich nach 20 Jahren noch jeden Tag gerne ins Büro. Ich parke mein Auto bewusst vor dem Dreischeibenhaus und nicht in der Tiefgarage, weil ich es genieße, das Haus von außen zu betreten. Ein prächtiges Gebäude. Ich sehe die Treppe, den Empfang, der Concierge grüßt mich, ich grüße zurück. Ich nehme den Aufzug und fahre hoch. Ein sehr schöner Start in den Tag.
PV:
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Abel.
 
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https://www.jll.de/de/staedte/duesseldorf

 

* Formel-Copyright: Marcel Abel