Parniean Soufiani

Journalistin

Parniean Soufiani ist Journalistin in der preisgekrönten WDRforyou-Redaktion, die für die Haltung ihrer Moderatoren, Kommentatoren und Gestalter außergewöhnlicher Fernseh- und Onlineprogramme zu Migration und Integration von Flüchtlingen ausgezeichnet wurde.

PV:
​Frau Soufiani, Sie sind WDR-Redakteurin und spezialisiert auf die Themen Integration und kulturelle Themen. Woher kommt die Leidenschaft dafür?
PS:

Meine Leidenschaft gilt den Menschen.

​​​Meine Leidenschaft gilt den Menschen. Mich interessieren ihre Geschichten und unsere Gesellschaft, die sich verändert. Ich habe selber verschiedene Kulturen in mir und mein Mann auch. Ich bin es gewohnt, verschiedenen Kulturen und Sprachen zu leben. Für mich ist das normal und das ist eine unglaubliche Bereicherung. Das Zusammenleben und das Zusammenwirken ist spannend und nicht immer konfliktfrei. Im Gegenteil, bei uns zu Hause fliegen auch schon mal die Fetzen. Wenn Islam und Christentum, Europa und Orient – und vor allem Köln und Düsseldorf – unter einem Dach wohnen, ist es alles andere als langweilig. Es ist spannend. Dieses Spannungsfeld interessiert mich. Eindimensionalität ödet mich an.

PV:
​​​​Ihr Herkunftsland ist Persien?
PS:
​​​Meine Eltern stammen aus dem Iran und ich bin in Deutschland geboren, hier in Köln. Das ist meine Heimat. Wenn ich gefragt werde, sage ich immer, ich bin eine kölsche Perserin.
PV:
​​Wie geht es Ihnen dann in Zeiten, in denen über Flüchtlinge nur in Zahlen gesprochen wird und nicht mehr über die Menschenschicksale, die dahinter stehen?
PS:
​​Es macht mich traurig, denn hinter jeder Zahl steckt ein Mensch, eine Geschichte, sein Schicksal. Das ist so viel mehr als eine Zahl. Zahlen machen alles sehr anonym. Und auch sehr einfach. In Wirklichkeit geht es ja auch nicht um Zahlen, sondern um Menschenleben. Um globale Interessen. Um Machtverhältnisse bei uns im Land, usw. eben um mehr, als eine Dimension.
PV:
​Sind Sie ein politischer Mensch?
PS:
Politik interessiert natürlich, berufsbedingt. Politisch nicht. Nein. Sonst wäre ich ja Politikerin geworden.
PV:
​​​Auch nicht in dem was Sie tun?
PS:
​​​​Als Journalistin stelle ich mich nicht auf eine Seite. Ich möchte informieren, Bericht erstatten, Informationsbedarf stillen, aufklären, einordnen, Geschichten erzählen, nicht politisch wirken. Sondern gesellschaftlich.
PV:
​​​Ist Aufklärung das höchste Ziel Ihrer Information?
PS:
​​​​

Eindimensionalität ödet mich an.

​​Ja. Bericht erstatten und eine verlässliche Informationsquelle sein. Gerade mit dem Programm, das wir bei WDRforyou für Menschen machen, die neu in Deutschland sind, haben wir sehr schnell gemerkt, wie angewiesen diese Menschen auf jemanden sind, der ihnen erklärt, was hier passiert. Wie Deutschland tickt, was in der Gesellschaft los ist und welche Gesetze, welche Politik oder welches Rechtssystem hier vorherrschen oder wie sie sich verändert haben. Da gibt es einen unglaublichen Informationsbedarf allein durch die Sprachbarriere. So entstehen sehr schnell Gerüchte und keiner weiß mehr, was stimmt denn jetzt und was nicht? Unser Programm gibt es seit 2016. Mittlerweile hat unsere Redaktion bei unseren Usern den Ruf: WDRforyou hat das soundso gesagt, also stimmt das. Wenn etwas aus unserer Quelle kommt, dann wissen sie, dass sie sich darauf verlassen können. Und das ist die höchste Auszeichnung, finde ich.

PV:
​​​Was ärgert Sie am meisten?
PS:
​​Mich ärgert am meisten, wenn Dinge ohne Kontext dargestellt werden. Wenn man Wörter oder Zahlen einfach rausgreift und die in ein falsches Licht stellt. Das ärgert mich ungemein.
PV:
​​​Also Desinformation?
PS:
​​Genau. Oder Falschinformation. Noch viel schlimmer. Und was mich auch ärgert ist, wenn Meinungsmache als Journalismus verkauft wird.
PV:
​​​Haben Sie da ein Beispiel?
PS:
​​Ja, es gibt ja viele Menschen, die auf ihren persönlichen Internetseiten ihren Gedanken freien Lauf lassen oder Ideen zum Weltgeschehen absondern. Das wird natürlich von anderen gelesen und deshalb sollte es als persönliche Meinung deklariert sein, die man ja haben und äußern darf. Das ist völlig in Ordnung, aber derjenige, der das liest, muss wissen, dass das die persönliche Meinung ist und keine fundierte Recherche und dass die Fakten vielleicht nicht überprüft worden sind.
PV:
​​Ist denn gegen Polemik oder sogenannte Fake News überhaupt etwas auszurichten?
PS:
​​Richtigstellung, richtige Fakten und sich einlassen auf eine Diskussion. Ich höre ganz oft von Menschen, einfach ignorieren, wenn da irgendwo etwas Falsches steht. Dann sage ich, nein, ganz im Gegenteil, nichts sagen ist keine Option. Die Gegenrede, counter speech, ist sehr wichtig. Sonst gewinnen die Menschen den Eindruck, dass die Schreihälse in der Mehrheit sind und die Minderheit schweigt, aber das ist nicht so. Man muss richtigstellen, klarstellen, mit Fakten argumentieren, mit Zahlen, mit Beispielen, und zwar unmittelbar. Wer Journalist sein will, sollte das unbedingt auch können.
PV:
​​​Was motiviert Sie weiterhin an diesen Themen dranzubleiben?
PS:
​​​

Ich bin eine kölsche Perserin.

​​Was gerade in Deutschland passiert ist unheimlich spannend und es gibt viel Reibung. Umso verantwortungsvoller ist die Aufgabe von Journalisten da genau hinzuschauen und auch über den Tellerrand hinaus zu schauen. Verbindungen zu sehen, einzuordnen, den Kontext klar zu stellen und ich finde es unglaublich toll da mitwirken zu können.

PV:
​​Ich nenne Ihnen jetzt mal vier Begriffe. Welcher Begriff ist für Sie besonders wichtig? Toleranz, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit oder Respekt?
PS:
​Gerechtigkeit und Respekt.
PV:
​​​​Hätten Sie lieber mehr Einfluss?
PS:
​Nein. Ich finde den Einfluss, den ich habe, bedeutsam und sinnvoll. Die Menschen mit Informationen zu versorgen, die sie sonst nicht bekommen würden, um Entscheidungen zu treffen oder zu versuchen Antworten zu finden auf die für sie existenzielle Fragen. Das finde ich für mich sehr erfüllend.
PV:
​​​​Was war das Außergewöhnlichste, was Sie mal durch punktgenaue Information erreicht haben?
PS:
​​Eigentlich haben wir jeden Tag außergewöhnliche Erlebnisse oder schöne Momente. Dadurch, dass wir ein Online-Programm sind, sind wir im ständigen Austausch mit unserem Publikum. Wir senden nicht nur und gucken mal was passiert, sondern wir bekommen täglich direkte Rückmeldungen. Wir sind ganz nah an dem Leben unserer Zuschauer und unseres Publikums und da bekommen wir die persönlichsten Geschichten erzählt, zum Beispiel wie durch unsere Informationen Entscheidungen getroffen werden konnten, die sonst nicht getroffen worden wären.
PV:
​​​In wie viel Sprachen machen Sie das?
PS:
Bei WDRforyou senden wir auf Deutsch und dann immer noch in einer anderen Sprache, Arabisch oder Dari bzw. Farsi. Unser Publikum ist oft schon seit etwa 2½ Jahren hier, es spricht immer besser Deutsch und deshalb sind unsere Sendungen immer mehr auf Deutsch.
PV:
​​​Welcher Kanal ist denn heute der Effizienteste?
PS:
​​

Was mich auch ärgert ist, wenn Meinungsmache als Journalismus verkauft wird.

​Das kommt drauf an, wen man erreichen möchte. Also bei unserer Zielgruppe, die haben nicht alle einen Fernseher, aber ein Handy, weil es das Medium ist, mit dem sie auch Kontakt zu ihren Familien oder Freunden haben und dort erreichen wir sie natürlich am besten. Es ist auch eine Generationsfrage. Je jünger die Menschen sind, desto weniger werden Medien analog genutzt, sondern man möchte, dass sich die Medien und die Informationen an den eigenen Lebensrhythmus anpassen, das heißt, man sucht sich selber aus, wann man was konsumiert und wann nicht. Das mache ich ja schon so. Und ich bin schon gar nicht mehr so jung…

PV:
​​​Würden Sie heute einem jungen Menschen empfehlen Redakteur oder Journalist zu werden?
PS:
​Unbedingt. Das ist der schönste Job der Welt. Ich möchte nie irgendetwas anderes machen.
PV:
​​​Was macht ihn zum schönsten Job der Welt?
PS:
​​​Also erst mal finde ich es toll, dass ich jeden Tag etwas tun kann, was mir großen Spaß macht und wofür ich auch noch bezahlt werde. Ich finde, das ist ein großes Glück und dafür bin ich dankbar. Jeden Tag passiert so viel Spannendes, das ich weitergeben und erklären kann. Weil ich den Dingen auf den Grund gehen kann. Weil ich mit Menschen zu tun habe, deren Geschichten ich erfahren und verarbeiten kann, eben nicht nur mit Zahlen in Büchern zu tun habe oder hinter irgendeinem Schreibtisch sitze. Wir gehen raus, wir sprechen mit den Menschen. Wir gehen dorthin, wo die Dinge passieren und das finde ich unglaublich bereichernd. Und ich arbeite in einem tollen Team. Die Kollegen sind super.
PV:
​​​Gibt es Hoffnung, dass wir wirklich mal irgendwann eine gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft haben?
PS:
​​​​Ich finde, wir haben schon eine sehr gut funktionierende, vielfältige Gesellschaft, denn dazu gehört eben auch, dass es hier und da Reiberein gibt. Alles andere ist Illusion.
PV:
​​​Die Auseinandersetzung ist Teil des Prozesses?
PS:
​Auf jeden Fall.
PV:
​​​​Was ist der Grund dafür, dass diese völlig verständliche Flüchtlingsbewegung, die seit ein paar Jahren stattfindet, in den Medien oft als Gefahr dargestellt wird?
PS:
​​Ich sehe das nicht so, dass das Flüchtlingsthema in der Mehrheit der Medien als Gefahr dargestellt wird. Man kann natürlich eine andere Wahrnehmung bekommen, wenn von bestimmten Redaktionen ein bestimmtes Thema zu oft favorisiert wird. Dadurch kann eine Schieflage in der Wahrnehmung entstehen. Andererseits gibt es genug andere Sendungen und Formate, die auch andere Seiten des Themas beleuchten und die muss man sich dann natürlich auch ansehen. Wer offen ist schaut sich alles an, damit sich das Bild erhellt.
PV:
​​​​Mit welchen anderen Themen befassen Sie sich noch?
PS:
​​​Wir probieren uns natürlich auch aus. Im letzten Jahr haben wir ein Format eingeführt, das hieß HÖRSAALtalk. Da sind wir mit Politikern an verschiedene Unis in NRW gegangen und die Studenten konnten ihm oder ihr Fragen stellen. Das Ganze wurde live auf Facebook und auf unserer Homepage gestreamt, so dass die User auch Fragen stellen konnten. Das ist unglaublich gut angekommen. Wir haben da wirklich einen Nerv getroffen. Das Bedürfnis von jungen Menschen Politiker echt zu erleben und sich mit ihnen auszutauschen ist groß, besonders wenn es um ihre Themen geht, um ihre Fragen.
PV:
​​​​Was sind das für Themen?
PS:
​​Zum Beispiel haben wir mit Gregor Gysi über die Abschottung Europas gesprochen. Wir haben mit Christian Lindner über Studiengebühren gesprochen. Wir haben mit Heiko Maas, der damals noch Justizminister war, über hate speeches im Internet gesprochen. Wir haben mit Claudia Roth darüber gesprochen…
PV:
​​…welche Farbe man 2019 trägt?
PS:
​Nichts sagen ist keine Option.

​Gute Idee, nächstes Mal. Nein wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie für einen Politiker Ideal und Wirklichkeit zusammenpassen, also konkret zum Beispiel, wie eine Rot-grüne Regierung in NRW an Abschiebungen mitwirkt. Mit Peter Altmeier als damaliger Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung haben wir über die Flüchtlingssituation gesprochen und darüber, wie man sich fühlt Kanzlerin-Flüsterer zu sein. Das war letztes Jahr. Wir haben mit den Sendungen eine hohe Reichweite erzielt, die uns selbst überrascht hat. Das heißt, nicht nur die Studenten vor Ort fanden das spannend, sondern auch die Zielgruppe, die wir erreichen wollten. Dann haben wir gesagt, wir öffnen das, wir bleiben nicht nur im akademischen Bereich, sondern wir gehen auch an die Schulen und Berufsschulen, wir sprechen mit Menschen von 16 bis 27. Junge Menschen, die der WDR nicht immer mit allen Formaten erreicht. Wir wollen wissen, was sie interessiert und worüber sie sprechen möchten und dann versuchen wir, das möglich zu machen. Dieses Format steht in den Startlöchern.

PV:
​​Wann kommt es denn raus?
PS:
​​​Bald. Zum Auftakt dieses neuen Formats haben wir ein verrücktes Experiment gewagt und einen bestehenden Weltrekord geknackt.
PV:
​​​​Und der wäre?
PS:
​​​Die längste Live-Talkshow, die jemals online live gestreamt wurde. Es hat schon mal jemand diesen Rekord aufgestellt, und wir haben ihn geknackt. Wir haben sieben Tage und die Nächte live gesendet. Nonstop.
PV:
​​​​Herzlichen Glückwunsch.
PS:
​​​Ja, danke schön. Interessant ist dabei ja, je jünger unser Zielpublikum wird, desto normaler ist es, dass sie eine Migrationsgeschichte haben. Das ist die Zukunft von NRW. Wenn wir uns unser Publikum in 20 Jahren vorstellen, dann hat die Hälfte einen Migrationshintergrund. Für die es dann normal ist, verschiedene Kulturen zu leben.
PV:
​​​​Sollte diesem Blickwinkel nicht viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden?
PS:
​​​Wir versuchen zu zeigen und zu leben, dass Vielfalt Normalität ist. Alltag ist. Denn für viele ist das so. Für mich ist das so. Für viele Menschen in unserem Bundesland, in Deutschland. Das ist auch die Realität.
PV:
​​​​Wenn das Realität ist, warum regen sich dann immer noch Mensch darüber auf?
PS:
​​​Vielleicht deswegen, weil aufregen dazu gehört. Vielleicht, weil wir uns gerne aufregen, über andere. Das lenkt von einem selbst ab.
PV:
​​​Aber dann nicht mehr über die Sache als solche, vielleicht eher über einzelne Personen?
PS:
​​​Man muss einfach wahrnehmen, dass mittlerweile jedes 2. Kind unter 7 Jahren andere kulturelle Wurzeln hat. Für die ist das normal, sie haben eine andere Wahrnehmung von sich selbst. Die interessieren sich nicht für irgendeinen Migrationshintergrund. Oder woher sie kommen. Die interessieren sich dafür, wohin sie gehen.
PV:
​​​Frau Soufiani, wir danken ihnen für das Gespräch.

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