Rainer Goernemann

Schauspieler

Rainer Goernemann ist Schauspieler aus Leidenschaft. Sein Motto: lebe wie ein König, sterbe wie ein Bettelmann.

PV:
Rainer, du bist Schauspieler, bekannt durch Bühne und Fernsehen. Wann war dir klar, dass du Schauspieler werden wolltest?
RG:
Mein Opa Franz war mein Lieblingsfreund. Als ich 9 war hatte er die kuriose Idee mit mir in die Oper zu gehen. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nie in der Oper gewesen. Rigoletto haben wir gesehen. Ich fand das spannend. Zuvor sagte mein Großvater, ich solle das Stück lesen, um mich der Musik ganz hingeben zu können. Dann sind wir in die Oper gegangen und als ich das gesehen habe wusste ich, ich will zum Theater. Das war es für mich im Grunde genommen.
PV:
Hast du dich dann nach der Schule an einer Schauspielschule beworben?
RG:
Ich bin von Zuhause abgehauen. Das war für meine Familie ein großes Drama, weil die nicht wussten, wo ich hin war. Ich hab ein Praktikum beim Norddeutschen Rundfunk gemacht. Ich war Roadie für Kamera und technischen Aufbau. Alles, was man da so macht. Als ich von meiner Reise zurückkam sagte ich meiner Familie, ich will zum Theater, da hatte ich mich laut und deutlich entschieden. Sofort gab es einen hochgeschätzten Freund der Familie, ein Rechtsanwalt, der von meiner Mutter den Auftrag bekam mir diese Idee auszureden. Onkel Johannes. Der gab mir eine dreiviertel Stunde Zeit um ihm zu erklären, warum ich zum Theater wollte.
PV:
War ja überraschend, oder?
RG:
Ja, das war überraschend. Als ich fertig war mit meiner Rede stand Onkel Johannes auf, wunderbarer Moment, ging um seinen Schreibtisch rum und sagte zu mir: „Ja mein Jung, dann mach das mal. Und wenn du Hilfe brauchst, ich unterstütze dich.“
PV:
Wie ungewöhnllch.
RG:
Da war das wichtigste Ziel erreicht.
PV:
Bist du dann …
RG:
Ich glaube, dass die Leidenschaft eine große Rolle spielt. Bis heute denke ich, dass man diesen Beruf nur lieben kann, wenn man zur totalen Hingabe bereit ist.

… auf die Schauspielschule und habe vorgesprochen. Frau Frese, eine staatlich anerkannte Schauspielschule in Hamburg, hat einen ganz guten Ruf, bei ihr bin ich dann untergekommen. Nun hatte ich aber das Bedürfnis nicht nur Unterricht zu bekommen, sondern ich wollte auch praktisch arbeiten. Ich bin zum Schauspielhaus gegangen und habe meine erste Komparsenrolle ergattert. Das Stück war gut, es gab viel Applaus und ich war beeindruckt. Nur meiner Schauspielschullehrerin, Frau Frese, gefiel das nicht. Sie wollte, dass ich lerne, aber ich brauchte auch ein bisschen Geld. Also war ich weiter am Schauspielhaus, als plötzlich Claus Peymann auftauchte. Der suchte Schauspielschüler für Hölderlin von Peter Weiss. Ich hatte schon ein paar Stücke gelesen, mich auch mit Rollen beschäftigt und wurde genommen. So kam ich ins Ensemble. Das gefiel nun Frau Frese überhaupt nicht. Auch noch bei so einem Linken, das war für sie völlig unverständlich. Ich fragte Claus Peymann ob ich bei den Proben zusehen konnte, aber ich wollte auch etwas tun. Da traf es sich gut, dass er seinen Regieassistenten austauschte. So bekam ich diesen Job. Wir machten noch ein weiteres Stück. Ich war sehr stolz darauf. Im Programmheft stand: Regie Claus Peymann, Regiemitarbeit Rainer Goernemann.

PV:
Toll.
RG:
So begann das Theaterleben für mich ausschließlich zu werden. Ich wurde Regieassistent im Hamburger Schauspielhaus. Ich war der Klassensprecher von den Assistenten, 19 Jahre alt und gehörte dem Haus fest an. Ich hab es genossen zu arbeiten. Ich hatte meinen festen Vertrag als Regieassistent und Schauspielanfänger.
PV:
Wenn du Schauspieler betrachtest, welche Qualitäten müssen sie neben Talent haben?
RG:
Ich glaube, dass die Leidenschaft eine große Rolle spielt. Bis heute denke ich, dass man diesen Beruf nur lieben kann, wenn man zur totalen Hingabe bereit ist. Dann kann eine Menge passieren.
PV:
Was am Theater hat dich süchtig gemacht?
RG:
SPIELEN, SPIELEN, SPIELEN.

Ich saß einmal mit dem großen Schauspieler Werner Hinz in der Kantine. Wir haben geredet und währenddessen habe ich ihn gefragt was ich machen soll, weiter in Hamburg bleiben und Regie machen oder an ein anderes Theater gehen und spielen. Seine Antwort war SPIELEN, SPIELEN, SPIELEN. Das habe ich dann auch gemacht. Zum selben Zeitpunkt wurde ich für die Hauptfigur in einer Polizeitserie des NDR gecastet und genommen. Zur Vorbereitung für diese Rolle war ich vier Wochen lang Praktikant beim Polizeirevier Hamburg. Wir drehten 26 Folgen.

PV:
Und dann?
RG:
… daraufhin wurde ich nach Breverhaven geholt und war dort festangestellter Schauspieler. Mit 21 war ich der jüngste Prinz von Homburg. Friedrich Luft schrieb dann in der Kritik, jung, vielleicht noch etwas zu jung, aber die Angst vor dem Tod hat er sehr gut gespielt.
PV:
Das war großes Lob von einem berühmten Kritiker.
RG:
Genau. Dennoch wollte ich nach dieser Erfahrung nicht mehr in einem festen Ensemble arbeiten Die Art und Weise wie da mit Schauspielern umgegangen wird, das ist nicht meine Sparte.
PV:
Hattest du irgendwelche Vorbilder?
RG:
Es gibt ein Vorbild vom Theater, der auch gleichzeitig mein Theater-vater war: Martin Benrath.
PV:
Der große Martin Benrath?
RG:
Ja. Er hat mir sehr geholfen und mich in Krisenzeiten mental unterstützt. Ein Beispiel: Ich hatte mir bei dem Buddenbrocks-Dreh den Fuß verstaucht und humpelte. Für mich war klar, ich kann nicht weiter drehen, denn die nächste Szene spielte am Strand. Da sagte Martin zu mir, wenn ihr da unten am Strand seid, dann legst du deinen Stock weg und gehst ganz normal. Und ich bin gegangen. Es hat einwandfrei funktioniert.
PV:
Was hat dich an Martin Benrath fasziniert?
RG:
Wenn ich es überblicken und auch verantworten kann, dann kann man schon über Grenzen hinausgehen.

Er war einfach ein wunderbarer Charakter der seinen Job verstand. Er war in seiner ganzen Art ein ungeheuer bescheidener Mensch. Ich kann ein Beispiel erzählen. Ich bin in Salzburg und schau mir den Jedermann an, wo Martin über einen längeren Zeitraum den Tod spielte. Nach der Vorstellung hat er mich, noch weiß geschminkt mit bloßem Oberkörper umarmt und in seine Garderobe geführt. Dort haben wir uns lange über die Aufführung unterhalten, auch über Ulrich Tukur, den er für viel zu äußerlich für den Jedermann befand. Der Junge hat nichts gefühlt, das war so seine Meinung. Er hat ja fantastische Sachen gedreht und gespielt. Das sind Produktionen gewesen, die mich immer wieder fasziniert haben und die enge Verbindung zu ihm war für mich ungeheuer hilfreich.

PV:
Hast du im Laufe deiner Arbeit eine Präferenz entwickelt für die Bühne oder für den Film?
RG:
Das hielt sich im Gleichgewicht. Für mich war es immer wichtiger, dass ich mir das, was ich gespielt habe, aussuchen konnte.
PV:
Was ist für dich beim Schauspiel die größte Herausforderung?
RG:
In Beziehung zur Rolle und zu den Emotionen zu kommen. Ich habe das ja immer ganz extrem betrieben. In den Kammerspielen habe ich für die Rolle eines Spießbürgers, den ich aber liebte, zehn Kilo aufgespeckt. Dann hab ich mich dem Regisseur vorgestellt, der einen Lachkrampf kriegte und sagte, dann mach das mal. Das Ziel ist, sich mit der Rolle ganz und gar zu identifizieren. Das spielt dann auch schon mal ins Privatleben hinein.
PV:
Gibt es für dich eine Grenze wo du sagst, so weit würde ich nicht gehen?
RG:
So eine Grenze gibt es eigentlich nicht. Ich glaube nicht, dass man sich in Gefahr begibt. Wenn ich es überblicken und auch verantworten kann, dann kann man schon über Grenzen hinausgehen.
PV:
Würdest du zum Beispiel nackt auf die Bühne gehen?
RG:
Das hab ich schon gemacht, weil es in der Rollte Sinn machte.
PV:
Hat sich die Schauspielerei in deiner Wahrnehmung verändert, seit dem du Schauspieler bist?
RG:
Im Grunde genommen hat sich nichts verändert, weil ich für meine Arbeit die Verantwortung übernehme. Die Frage hat sich so nicht gestellt. Ich glaube am Theater hat sich was verändert. Aber das betrifft mich nicht.
PV:
Du hast ja sehr viel gemacht. Gibt es noch ein Stück, eine Rolle, die du gerne spielen würdest?
RG:
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe Parkinson. Das bedeutet, dass ich nicht mehr alles machen kann. Deshalb habe ich angefangen ein paar meiner Sologeschichten wieder aufleben zu lassen.
PV:
Lesungen mit Musikbegleitung, richtig?
RG:
Genau. Eine gespielte Lesung.
PV:
Wenn heute Kinder zu ihren Eltern sagen, ich werde Schauspieler, dann schlagen die meist die Hände über dem Kopf zusammen und dann bemühen sie den Onkel, der das Kind davon abhalten soll, Schauspieler zu werden. Was würdest du einem jungen Menschen heute sagen, der Schauspieler werden will?
RG:
Ich würde ihn gewähren lassen. Wenn wir in diesem Fall von meinem Sohn sprechen würden, würde ich ihm Hilfestellungen geben. Ich kenne einen jungen Schauspieler, der hat ein Vorsprechen fürs Actors Studio in Los Angeles gehabt. Er hat sich von mir für das Vorsprechen coachen lassen. Das war in Rotterdam. Er ist genommen worden, musste kämpfen, aber er hat es gepackt. ich habe ihn auf der Bühne gesehen. Er ist ein guter Schauspieler geworden. Das bringt schon Spaß ihm zuzusehen.
PV:
Ein schönes Happy End. Auch für dieses Interview. Vielen Dank.

rgoernemann@t-online.de