Lutz Leßmann

Unternehmer

Lutz Leßmann, Gründer und Inhaber von Lucom und PlanetValue, führt ein erfülltes Leben, indem er tut, was die Welt wirklich braucht: er begeistert Menschen und Unternehmen dafür, sich sozial zu engagieren.

PV:
Sie sind Gründer und Inhaber von zwei sehr unterschiedlichen Unternehmen. Sind Sie der geborene Unternehmer oder ist das eine fürs Geld und das andere fürs Gewissen?
LL:
Also zunächst mal bin ich der geborene Unternehmer. Auch wenn die erste Begeisterung dem technischen Interesse galt, habe ich mit der Zeit festgestellt, dass das Unternehmertum, also das Gestalten, die eigentliche Leidenschaft ist. Dabei habe ich dann auch die Leidenschaft entdeckt, andere Leute dafür zu begeistern, sich sozial zu engagieren und das war dann auch die Idee für das zweite gemeinnützige Unternehmen.
PV:
Ist das gemeinnützige Engagement in Ihrer Familie traditionell verankert?
LL:
Gar nicht. Auch nicht das Unternehmertum. Aber ich wusste schon als Kind, dass ich mich selbstständig mache und ich habe mir immer Firmennamen ausgedacht, die man kaum aussprechen konnte. Während meines Studiums habe ich dann zwar bei Unternehmen gearbeitet, aber stets mit dem Gedanken im Hinterkopf mich selbstständig zu machen, um den Prinzipien und Werten, die ich vertrat, auf jeden Fall treu bleiben und die eigenen Dinge umsetzen zu können.
PV:
Gab es einen Auslöser für die Gründung von PlanetValue?
LL:
Neben dem Spaß an der IT war ich immer so ein bisschen auf der Suche nach etwas noch Sinnhafterem. Ich habe viel mit Freunden und Nachbarn diskutiert, über Gott und die Welt und was man verändern könnte und ich weiß in irgendeinem Gespräch kam mir plötzlich die Idee zu PlanetValue. Das hat mich wirklich so ganz durchfahren und ich wusste, okay, das ist genau das, was ich machen will. Also insofern ist es wahrscheinlich etwas, das gereift ist und zu mir kommen sollte.
PV:
Haben Sie einen Traum?
LL:
Ich wusste schon als Kind, dass ich mich selbstständig mache.
Mein Traum ist mehr eine Richtung. Ich möchte, dass mehr Menschen erkennen welche Freude, welcher Sinn und welch ein Spaß darin stecken, sich gemeinsam für etwas zu engagieren. Wir haben halt heute so eine Welt, in der schon zum Egoismus erzogen wird. In allen Bereichen geht es nur noch darum, dass man sich erst mal um sich selber kümmert. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, welches Potenzial darin steckt, wenn mehrere Leute gemeinsam etwas aus Leidenschaft machen. Da hat jeder persönlich genauso viel davon wie die Gruppe. Das ist mein Traum, dass auch die Wirtschaft sich wieder mehr um Gemeinschaft kümmert und aus dem reinen profitmaximierten Denken wieder zu dem zurückkommt, was Wirtschaft ja eigentlich mal als Sinn hatte, nämlich für Wohlstand und Gemeinwohl zu sorgen, und zwar für alle. Diesen Pfad haben wir völlig verlassen und da glaube ich halt schon, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, was zu verändern.
PV:
Würden Sie sich selbst als Visionär bezeichnen?
LL:
Ja, auf jeden Fall. Meine Vision ist die antreibende Kraft dabei. Es ist wichtig sich Dinge, die in der Zukunft passieren sollen, real vorzustellen, damit man sich auf das Ziel fokussieren und andere mitreißen kann, denn alleine schafft man das nicht.
PV:
​​​Gibt es bei dem, was Sie mit PlanetValue machen, auch greifbare Ergebnisse?
LL:
Ich möchte, dass mehr Menschen erkennen welche Freude, welcher Sinn und welch ein Spaß darin stecken, sich gemeinsam für etwas zu engagieren.
Ja. Irgendwo möchte man ja auch seinen Vorstellungen näherkommen. Klar, das sind kleine Schritte, das sind vielleicht kleine Projekte, aber wir haben eine Richtung eingeschlagen und auf regionaler Ebene mit Aktionstagen begonnen. Wir haben Unternehmen dazu motiviert Mitarbeiter, die Lust dazu haben, freizustellen, um sich dann an einem Tag in sozialen Projekten zu engagieren. Damit haben wir 2013 begonnen. Zuerst hier in Erkrath, dann in Städten wie Ratingen, Mettmann, Porz, Kreis Menden. Mittlerweile sind es über 600 Projekte, die von rund 400 Firmen für soziale Einrichtungen umgesetzt wurden. Was Zahlen aber nicht ausdrücken können ist das, was dieses Engagement mit den Menschen macht, die diese Projekte realisieren. Es entsteht eine Verbindung zwischen den Menschen. Es geht plötzlich nicht mehr um Egos, sondern es geht darum, gemeinsam etwas Gutes für andere zu tun. Das schafft, egal auf welcher Ebene, völlig magisch, neue Gemeinschaften und Freundschaften. Das konnte man zum Beispiel auch bei Gemeinschafts-projekten mit Flüchtlingen erleben.
PV:
Was ist ein beispielhaftes Projekt?
LL:
Es ist wichtig sich Dinge, die in der Zukunft passieren sollen, real vorzustellen, damit man sich auf das Ziel fokussieren und andere mitreißen kann, denn alleine schafft man das nicht.
Vielleicht zwei herausstechende. Eins wurde von der halben Lucom-Belegschaft begleitet. Da ging es darum bei den Pfadfindern, den Royal Rangers, ein wirklich großes Amphitheater zu bauen. Alle packten an, so dass ungefähr 60 bis 80 Pfadfinderkinder und 35 Leute aus 9 Unternehmen beteiligt waren und im Prinzip kannten sich die meisten davon nicht. Die Stimmung war toll und der Spaß groß, wie es bei so handfesten Projekten meist ist. Ein weiteres Beispiel, was wir selber hier an einer Schule initiiert haben, war die Entwicklung einer vernünftigen Website für die eigene Schule, denn ich weiß von meinen Kindern, die Informatikunterricht haben, dass sie zwar lernen irgendwie eine fiktive Website zu machen, die ist dann aber für den Papierkorb. Wir wissen doch alle wie es ist, wenn Jugendliche zum ersten Mal was machen, das dann auch eingesetzt und genutzt wird, wie sie sich freuen, wie stolz sie sind. Das gibt einem sofort ein ganz anderes Gefühl und so kam es zu der Projektidee, warum sollen nicht Jugendliche in der Schule in einer Web-AG Webseiten für soziale Einrichtungen bauen, als ein Projekt. Das haben wir dann an einem Aktionstag initiiert und es läuft nun schon seit vielen Jahren. Zuerst konnten wir gar nicht alle Jugendlichen aufnehmen, die dazu Lust hatten und das Spannende ist, dass es hier für die Schüler nicht nur um die Umsetzung eines Projektes geht, sondern es geht auch um das komplette Soziale, um die Menschen. Ich habe plötzlich als Jugendlicher mit einem Kunden zu tun, für den ich diese Webseite mache, der hat spezifische Anforderungen, es geht um Bilder, Rechte, Texte, jeder kann sich irgendwo einbringen.​
PV:
Der Jugendliche wird ernst genommen.
LL:
Genau. Er wird ernst genommen und bekommt selber mit was es bedeutet, etwas für andere zu tun. Sie erleben einen anderen Sinn als den, in der Schule vorgefertigte Lehrpläne zu erfüllen. Das ist auch ein weiterer Traum, viel mehr von diesen Projekten in die Schulen zu bringen, weil es dort einfach viel zu wenig natürliche Impulse und Erfahrungen gibt, die den Blick in die Berufswelt weiten könnten.
PV:
Was ist denn in Ihren Augen wichtiger zu wissen, wohin wir gehen oder woher wir kommen?
LL:
Ich denke, dass man schon schauen sollte woher man kommt, um es zu reflektieren, um daraus zu lernen und nicht um irgendwas zu bereuen. Wir sollten das, woher wir kommen als ein Geschenk zu sehen, was einen letztendlich in die Situation gebracht hat, in der man heute ist, mit all den Erfahrungen und Potenzialen. Das nach vorne schauen, das wohin, ist wichtig, aber wenn es eben geht mit einer gewissen Gelassenheit, mit einem Urvertrauen. Das gelingt einem am besten, wenn man das Heute wertschätzen kann. Wenn man sagen kann, ich vertraue darauf, dass das Leben es gut mit mir meint.
PV:
Bräuchten junge Menschen mehr Raum um sich auszuprobieren?
LL:
Definitiv. Ausprobieren ist der Schlüssel dafür sich kennenzulernen, zu erleben, was einem Freude macht und wofür man sich interessiert. Da muss es noch gar nicht um Leidenschaft für etwas Bestimmtes gehen. Es geht darum Menschen und Situationen zu begegnen und Impulse zu kriegen.
PV:
Was ist für Sie das größere Problem? Leere Batterien oder begriffsstutzige Menschen?
LL:
Ich würde sagen, die größere Herausforderung ist die Begriffsstutzigkeit, aber ich mache den Menschen keinen Vorwurf, denn wir werden ja heutzutage mit Informationen überflutet. Diese Überforderung sorgt dafür, dass kaum noch jemand wirklich in die Tiefe geht. Die relevante Frage ist also, wie erreicht man die Menschen heute und wie mache ich sie auf etwas aufmerksam, das wichtig ist. Denn wenn sie eine Erfahrung machen, die unter die Haut geht und das weiß man aus der Psychologie und der Hirnforschung, dann habe ich die Möglichkeit die eigenen Ansichten oder Gewohnheiten infrage zu stellen.
PV:
Gibt es etwas, was Sie in Ihrem Leben noch erreichen wollen?
LL:
​Ich habe das Ziel zufrieden und glücklich zu leben und ich habe festgestellt, dass das davon abhängt, ob die Menschen um mich herum zufrieden und glücklich sind. Das ist der Weg, den ich eingeschlagen habe und mich erfüllt es jedes Mal mit Freude andere Menschen zu sehen, die offen sind, die das genauso erleben, weil ich dadurch eine Verbundenheit fühle. Manche setzen Verbundenheit ja auch mit Liebe gleich.
PV:
Hat das Verbinden von Menschen je ein Ende?
LL:
​Das hat kein Ende und ich bin ja immer freudig überrascht was noch alles möglich ist, so wie zum Beispiel die Aktion von Greta Thunberg, die ist genial, da kriege ich Gänsehaut.
PV:
Sie sind ja, wenn ich das richtig gelesen habe, Befürworter des dualen Studiums, warum?
LL:
Als ich Informatik studiert habe, hatte ich das Glück, dass alle noch mehr Zeit hatten. Ich konnte nebenbei arbeiten und habe gemerkt, dass mir das natürlich wesentlich mehr bringt, als ausschließlich Theorie zu lernen. Manchmal haben wir Einstellungsgespräche mit Hochschulabsolventen, die haben Bestnoten, aber schon während des Gespräches fragt man sich, ob sie vom richtigen Leben überhaupt etwas mitbekommen haben. Der gute Abschluss steht heute über allem und ist eine gute Basis, aber das Duale Studium hat den Vorteil, dass wir einen Menschen sehr jung kennenlernen, der noch nicht resigniert hat, der noch formbar ist und den man noch motivieren und überraschen kann. Insofern ist das Duale Studium für uns auf jeden Fall ein Segen.
PV:
​​​Habe Sie einen guten Rat für 18-jährige?
LL:
Probiert euch aus, legt euch nicht so früh fest, macht viele Praktika. Vor allem aber: sucht nicht nach einer Tätigkeit oder einem bestimmten Beruf, sondern seht euch die Menschen an, mit denen ihr arbeiten oder von denen ihr lernen wollt. Geht dahin wo Menschen sind, die Menschen lieben, die euch nach vorne bringen, euch unterstützen wollen, euch begeistern können. Das ist für den Einstieg ganz wichtig, weil euch solche Menschen den Raum geben, in dem ihr wachsen könnt, die euch Wertschätzung entgegen bringen, denn daher kommt die eigentliche Energie, die einem hinterher, in einer ganz anderen Tätigkeit, bei einem anderen Unternehmen, die Türen öffnet.
PV:
Wie viele Stunden arbeiten Sie denn pro Tag?
LL:
9 Stunden/10 Stunden maximal.
PV:
Ist das ein wichtiges Prinzip?
LL:
Ausprobieren ist der Schlüssel dafür sich kennenzulernen, zu erleben, was einem Freude macht und wofür man sich interessiert.
Ja , weil es durch Freude am Tun und mit den richtigen Menschen einfach auch gut läuft. Selbst mit zwei Unternehmen parallel. Allerdings stelle ich mir vor jeder Entscheidung auch folgende Frage: gibt es mir Freiheit oder nimmt es mir Freiheit. Das gilt auch für ganz alltägliche Entscheidungen. Folglich kaufe ich viel, viel weniger, bis nichts mehr, weil ich festgestellt habe, dass kaufen mir nicht unbedingt Freiheit gibt und das Gleiche gilt auch für die Unternehmen. Ich wollte nie einen großen Turm mit meinem Namen drauf, sondern eher die Möglichkeit auch andere Menschen daran zu beteiligen, gemeinsam etwas aufzubauen. Das gibt mir die Freiheit, mich zurücklehnen und sagen zu können, toll wie das funktioniert, jetzt kann ich mich um Dinge kümmern, die mich auch noch interessieren.
PV:
Ist diese Haltung nicht eher selten bei Unternehmern?
LL:
Sie ist eher selten, ich kann halt immer nur sagen, irgendwann man muss man den Pfad verlassen und sich fragen, was mache ich da eigentlich? Ich wollte Freiheit und Spaß. Die richtigen Mitarbeiter zum Beispiel sorgen für Entspannung, weil ich weiß, wir haben eine tolle Crew, ein tolles Geschäft das gut läuft, profitabel ist, wir haben dauernd neue Ideen, die wir mit unseren Kunden umsetzen können und damit ist auch dieser Druck nicht da, jetzt noch eine Niederlassung in dem oder dem Land aufmachen zu müssen. Damit steigen nur die Kosten und dafür müssen wir dann wieder höhere Umsätze machen. Also die meisten Menschen machen sich ihren Stress selber, indem sie Erwartungen schüren und sich Ziele setzen, die ihnen genau die Freiheit nehmen, die sie sich wünschen.
PV:
​​​Sind Sie noch zu überraschen?
LL:
Immer. Absolut. Ich liebe Überraschungen, ohne wäre es langweilig. Wir alle hier mögen Spontaneität, weil darüber mehr entstehen kann. Vertrauen ins Leben ist wichtig und wenn ein Abenteuer ansteht fragen wir uns, was kann schlimmsten Falls passieren, kommen wir damit klar und dann ... springen. Insofern bin ich offen für Überraschungen und das Freuen, weil es das Leben ausmacht, sonst wären wir eben diese Automaten, die alle irgendwie nur funktionieren, verglichen werden, ob sie jetzt besser sind als die Maschine am Fließband. Das ist keine Welt, die mich beeindrucken würde.
PV:
Würden Sie sagen, dass Sie ein erfülltes Leben haben?
LL:
Auf jeden Fall.
PV:
Und was gehört Ihrer Meinung nach alles zu einem erfüllten Leben?
LL:
Für mich gehört zu einem erfüllten Leben: tu was du liebst, wo du gut drin bist, was dich ernährt und das ganz Entscheidende, tu etwas, was die Welt wirklich braucht. Wenn man diesen Weg geht, fühlt man sich erfüllt und meistens hat es etwas mit Menschen zu tun. Das ist meine Erfahrung. Familie gehört dazu, Gemeinschaften, Kollegen, ein menschlich harmonisch ausgewogenes Umfeld.
PV:
Tu etwas, was die Welt braucht. Die meisten sind ja daran beteiligt, etwas zu tun, was die Welt nicht braucht. Da haben Sie einen schönen Dreh gefunden.
LL:
Definitiv. Diese Frage sollten sich junge Menschen oder Startups immer wieder stellen: braucht die Welt das wirklich oder brauchst du das für dein Portemonnaie? Bullshit-Jobs haben wir doch genug, oder? Ich bin zu 100 % davon überzeugt, dass wir mit viel, viel weniger Arbeit ein viel besseres Leben führen könnten.
PV:
Herr Leßmann, vielen Dank für das Gespräch.
 
​​​ 
https://www.planetvalue.org
https://www.lucom.com