André Kaczmarczyk

Schauspieler

Spielen nimmt einen großen, erfüllten Raum in seinem Leben ein und er liebt es, sich in die vielen verschiedenen Möglichkeiten des Menschseins zu verwandeln.

PV:
Du bist Schauspieler, was befeuert Deine Leidenschaft?
AK:
Meine Lust mich zu verwandeln befeuert meine Leidenschaft. Es gefällt mir mich zu verstellen, zu verkleiden, zu maskieren und mich damit quasi auch immer ein Stück weit selbst zu verändern. Die Lust am Wandel ist sozusagen in meinen Charakter manifestiert.
PV:
Bist Du ein disziplinierter Schauspieler?
AK:
Schauspieler ja. Wenn mir etwas Spaß und Lust macht, kann ich dafür ein hohes Maß an Disziplin aufbringen. Es fühlt sich dann aber auch nicht wie etwas an, das ich mir hart abverlangen muss. Es ergibt sich dann fast natürlich.
PV:
Hast Du ein konkretes Ziel, auf das Du hinarbeitest, Burgtheater, Spielfilm, Hollywood?
AK:
Ich bin schon ein sehr dramatischer Mensch und im Verhältnis zu dem, muss das Leben in gewisser Weise fader sein.
Ziel? Nein. Aber es gibt Vorstellungen, wohin ich mich erweitern möchte. Ich finde alles hier schon gut, aber es kann sich weiter öffnen. Der Beruf hat ja zum Glück viele Facetten, die ich auch alle mehr und mehr wahrnehmen möchte. Ich habe Lust weiter Regie zu führen, würde gerne mal in einem Magazin arbeiten, würde gerne mal Intendant sein für sechs oder sieben Jahre. Ich würde auch gerne mehr Filme drehen und in ganz anderen Zusammenhängen spielen - vielleicht in Performances oder im Tanztheater. Also: Da gibt es sehr viele verschiedene Vorstellungen und - zumindest in meiner Phantasie - unendliche Möglichkeiten. Aber: ich bin auch sehr vorsichtig mit allzu konkreten Zielen, und vor allem vorsichtig, sie zu allzu laut auszusprechen. Wenn man ein Ziel erreicht hat, stellt sich ja erst mal so ein Vakuum ein, das man dann wieder füllen muss. Oder vielleicht erreicht man das eine oder andere auch gar nicht. Ich halte lieber die Nase in den Wind und lasse mich von meinem Instinkt leiten. Ich würde sagen, ich habe eine Ahnung von einem Ziel, ohne ganz konkret zu wissen, wie das genau aussieht. Vielleicht will ich es aber auch nur nicht laut aussprechen.
PV:
Wie gehst Du damit um, wenn neben Dir schlecht gespielt wird?
AK:
Unterschiede muss man aushalten. Müssen ja auch alle Beteiligten aushalten: die Zuschauer, wie die Kollegen und Regisseure. Da es nun aber eh kein objektives Instrument bei der Bewertung von Schauspielern gibt, ist am Ende vieles eine Frage von Geschmack und Resonanz. Im Sinne von: was sagt es mir, was ich da sehe? Bringt das Spiel dieser Person etwas in mir zum Klingen? Berührt sie mich? Interessiert sie mich?
PV:
Also Du weißt, was Du kannst und was Du nicht kannst?
AK:
Einigermaßen, obwohl… keine Ahnung. Bisschen Selbstüberschätzung gehört dazu, sonst würde man den Wahnsinn ja nicht aushalten. Aber ich denke, inzwischen kann ich ziemlich gut einschätzen, was ich kann und was ich nicht kann; was ich gerne mache und was ich nicht so gerne mache; was ich können soll, aber nicht gerne mache; was ich nicht kann, aber trotzdem machen soll; was ich gerne mache, aber eigentlich nicht kann. Ist ja alles nicht dasselbe, ineinander fließend und wahnsinnig schwer auseinander zu halten.
PV:
​​​Klaust Du schon mal von berühmten Schauspielern Gesten oder Gesichts-ausdrücke?
AK:
Nein. Ich habe nämlich gar keine Vorbilder. Es gibt natürlich Leute, die ich irgendwie toll finde. Aber die schaue ich mir nicht an und denke, das mache ich jetzt nach oder so würde ich gerne sein.
PV:
Ist es wichtig für den Schauspieler, sich seine Kindlichkeit zu bewahren?
AK:
Ja. Das ist der Widerspruch in dem wir leben. Das macht Schauspieler zu so schrecklichen und wunderbaren, im besten Sinne widersprüchlichen Menschen. Jeden Tag mit der Behauptung umzugehen: ich bin heute das und du das und wir spielen eine Szene, wo die beiden sich treffen und dann passiert irgendwas… Auf eine gewisse Art dürfen wir nicht erwachsen werden, weil wir diese kindliche Verspieltheit, Naivität und ja auch Blödsinnigkeit brauchen.​
PV:
Auch Hemmungslosigkeit?
AK:
Theater ist auch in dieser Hinsicht ein besonderer und widersprüchlicher Raum.
Hemmungslosigkeit, genau und Lautstärke. Aber das alles ist Segen und Fluch zugleich. Wir sind ja auch abhängig von Leuten, die einem sagen, was man zu tun hat, welche Rolle man spielen soll und welche lieber nicht, wie sie sich die Inszenierung und auch ganz konkret das Spiel vorstellen. Die nehmen dann quasi die Elternrolle ein, um mal im Kinderbild zu bleiben. Und von manchen wird man dann und wann auch nicht als mündiger Mensch wahrgenommen; da kommt man aus dieser Kindhaltung nicht mehr raus und bekommt auch diese Rolle so zugewiesen. Es ist alles ein Wechselspiel aus naiver und spielerischer Freiheit, ja manchmal kindlicher Anarchie einerseits und der Konfrontation mit ganz klaren Beschränkungen, Regeln, Hierarchien und Machtstrukturen andererseits. Und dann braucht man schließlich fürs Spielen wiederum auch die beiden Blickpunkte vereint in sich selbst: diesen Kinderblick auf die Welt und den wissenden Blick des Erwachsenen und der Lebenserfahrung. Es ist verteufelt kompliziert manchmal. Meistens.
PV:
Wie ist das in Stücken, wo Du selbst Regie führst und spielst?
AK:
Das ist echt toll. Aber ich bin dabei eher ein liebender Elternteil. Ich liebe die Leute mit denen ich das mache und ich glaube nicht, dass die anderen sich wie Kinder behandelt fühlen. Oder wenn, umarme ich diese kindliche, spielerische Natur und Abhängigkeit eher.
PV:
Ist Hingabe wichtig fürs Spiel?
AK:
Ich finde es unerlässlich. Gilt aber natürlich auch nicht für jeden.
PV:
Welche bürgerlichen Eigenschaften hast Du Dir bewahrt?
AK:
Ich bin ja gar nicht bürgerlich aufgewachsen.
PV:
Wie bist Du aufgewachsen?
AK:
​Eher mit Proletariern und Kleinbürgern. Das meine ich gar nicht diskreditierend, sondern das ist einfach so. Deswegen ist mir auch das Aufwachsen in so einem Bildungsbürger-Zusammenhang mit vielen Büchern und klassischem Bildungskanon fremd. Das kam für mich erst später.
PV:
Ist Schauspiel bei Dir mehr Berechnung oder mehr Intuition?
AK:
​Gute Frage. Das ist schwer zu sagen, 70/30.
PV:
Und welcher Teil ist 70?
AK:
Intuition. Aber wenn ich länger drüber nachdenke, könnte es auch genau umgekehrt sein. Wahrscheinlich hängt es immer sehr vom Arbeits-zusammenhang ab, wie sich das Mischverhältnis gestaltet.
PV:
​​​Findest Du das reale Leben manchmal fad?
AK:
Ja, absolut fad. Ich bin schon ein sehr dramatischer Mensch und im Verhältnis zu dem, muss das Leben in gewisser Weise fader sein.
PV:
Außer, es würde Dir gelingen, das Drama auch nach draußen zu bringen.
AK:
Das tue ich ja, aber das ist nicht immer zur Freude meiner Umwelt.
PV:
Kann ein guter Schauspieler einen schlechten Regisseur kompensieren?
AK:
Es klingt närrisch, fast dada, aber anders kann ich es nicht beschreiben. Es ist toll.
Das sind ja so gemeine Fragen. Nein. Er kann vielleicht manches abmildern oder umlenken, aber im Grunde nein. Ich habe zu viele Abende gesehen, wo ich gedacht habe, ja klar, der Cast ist toll, aber was Du in 8 Wochen da mit uns probiert und gemacht hast, das können wir letztlich auch nicht retten oder ändern. Dafür werden zu viele äußere Entscheidungen getroffen über die wir Schauspieler nicht mitbestimmen. Wir können diese Entscheidungen befragen, diskutieren, andere Angebote machen, uns auch verweigern oder ‚kindlich’ dagegenstemmen - aber am Ende entscheidet der Regisseur. Und mit den Kategorien ‚gut‘ und ‚schlecht‘ kommt man meistens auch eh nicht so weit; vieles bleibt Geschmack oder ist einfach auch Stil. Und wie man selbst etwas auf der Bühne empfindet kann sich von der Wirkung im Saal fundamental unterscheiden.
PV:
Bei was musst Du Dich überwinden?
AK:
Überwinden muss ich mich zu vielem.
PV:
​​​Zu was?
AK:
Lieber keine Details… Was ist eine echte Überwindung? Sicherheit ist in gewisser Weise ein Thema.
PV:
Heißt das, Du bist sicherheitsbedürftig?
AK:
Ja auch, ich glaube schon. Und dann eben auch wieder überhaupt nicht.
PV:
Musst Du Dich überwinden, um die Sicherheit fahren zu lassen?
AK:
Der Exzess ist für mich was Tolles, was wahnsinnig Tolles. Sich zu verausgaben finde ich großartig.
Theater ist auch in dieser Hinsicht ein besonderer und widersprüchlicher Raum. Geschützt und ungeschützt zugleich, maskierend und entlarvend im selben Moment. Sicherheiten werden gesucht, gegeben, gewonnen, aber gleichzeitig auch immer wieder verworfen, vermieden und verschmäht. Theater ist ein unsicher sicherer Ort. Oder ein sicher unsicherer Ort. Immer, während der Probe, während der Aufführung, vielleicht sogar noch danach. Mit totaler Sicherheit begibt man sich auf das Terrain der totalen Unsicherheit: mit sich, der Rolle oder Figur, dem Text, den Kollegen, dem Regisseur. Für Momente lässt man gerne alle Sicherheiten fahren, nur um sie kurz darauf vielleicht schon wieder haben zu wollen oder auch zu suchen. Man umspielt und benutzt, ja erzwingt manchmal sogar alle möglichen Unsicherheiten, beschwört sie regelrecht herauf und konfrontiert sich damit. Und im gleichen Moment ist aber auch wahr: das Leben auf der Bühne ist sicher - die Wege sind klar, der Text ist klar, das Licht, der Partner. Es ist klar, es ist verabredet. Und selbst wenn etwas improvisiert oder nicht abgesprochen werden soll, also unsicher bleiben soll, verabredet man sich dazu. Man verabredet sich dann dazu, sich nicht zu verabreden. Man versichert sich gegenseitig der Unsicherheit. Und das Ganze, dieser ganze Komplex, ist vielleicht eine einzige Überwindung, sozusagen von der Unsicherheit zur Sicherheit und wieder zurück. Es klingt närrisch, fast dada, aber anders kann ich es nicht beschreiben. Es ist toll.
PV:
Macht Dir am Theater irgendetwas Angst oder kommt das gar nicht vor?
AK:
Beim Spiel nicht. Die Strukturen drum herum machen mir manchmal Angst. Eigentlich ist alles beängstigend, wenn man genauer darüber nachdenkt, aber...
PV:
Hast Du irgendwann mal daran gedacht Dir einen Künstlernamen zuzulegen?
AK:
Weil mein echter so kompliziert ist?
PV:
Ja.
AK:
Nein, das ist er halt. Und irgendwie ist es auch ein bisschen lustig, ich bin der Mensch dessen Namen niemand aussprechen kann und wo alle hoffen, das „Z“ an die richtige Stelle zu setzen.
PV:
Kannst Du Dir vorstellen auch etwas ganz anderes zu machen, einen ganz anderen Beruf auszuüben?
AK:
Nein. Ich bin zwar so phantasiebegabt, dass ich mich in vielem sehen könnte und ich könnte sicher ein toller Psychotherapeut sein oder Ressortleiter bei einem Magazin, ein Arzt oder ein Modedesigner, aber am Ende des Tages weiß ich, dass das nur Phantasien sind. Wie eine Rolle, die man sich so anguckt und denkt, na ja, das könnte man doch mal machen und nach 2 Monaten als Arzt würde ich denken, nein, nein, dann lieber im Irrsinn des Theaters untergehen.
PV:
Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, der Schauspieler werden möchte?
AK:
Ich glaube, man braucht Neugier, man braucht Phantasie, und zwar in alle Himmelsrichtungen, sowohl geistige, emotionale als auch körperliche Phantasie. Man braucht Einfühlungsvermögen. Also nicht nur für den, der einem direkt gegenübersitzt, sondern in gewisser Weise eine Art abstraktes Verständnis vom Menschsein und ein Interesse für Menschen an sich, für die verschiedenen Möglichkeiten des Menschseins. Und ich glaube, es ist hilfreich, wenn man einen eigenen, vielleicht auch etwas „anderen“ Blick auf die Welt entwickeln musste, durfte oder konnte.
PV:
Wenn Du an junge Menschen denkst, hast Du einen Rat fürs Leben?
AK:
Ja, folgt der Lust. Egal wie lang der Weg ist. Sich seiner Sehnsucht zu ergeben kann nicht so falsch sein. Ich musste es tun, egal, was mir die Leute gesagt haben, egal woher ich gekommen bin. In meiner Familie gibt’s niemanden, der auch nur einen losen Kontakt zur Künstlerwelt hatte. Tu es. Auch wenn du alle vor den Kopf stößt.
PV:
Ist die Schauspielerei die Erfüllung deines Lebens oder gehört zur Erfüllung mehr?
AK:
Sagen wir, es ist eine große Erfüllung meines Lebens, aber es ist nicht die Einzige, darf nicht die Einzige sein. Das wäre trist. Aber klar, Spielen nimmt einen großen, erfüllenden Raum in meinem Leben ein.
PV:
Willst Du wie der Brandauer oder der Bruno Ganz mit 70 noch auf der Bühne stehen?
AK:
Ja. Ich glaube schon. Ich halte nicht so viel von der Idee darauf zu sterben. Deshalb sag ich lieber: bis ich merke, ich habe keine Lust mehr. Ich will das und wenn ich mit 70 noch Spaß daran habe und gerne auftrete, dann finde ich das gut. Aber wenn es mich irgendwann nervt, dann lass ich`s.
PV:
Bei dem ganzen Wandel, mit dem Du so spielst und dem Du Dich aussetzt, gibt es auch eine Konstante und wenn, ist die eher Außen oder eher Innen?
AK:
Ich glaube, es bräuchte sie. Dann wäre ich wahrscheinlich weniger so ein Wellenkind. Ich würde gerne so eine Konstante in mir entwickeln. Gleichzeitig bin ich unsicher, denn dieses hin und her geworfen sein, dieses nicht fixierte, führt ja auch zu etwas sehr Produktivem.
PV:
Verausgabst du dich?
AK:
Verausgaben? Ja, ja.
PV:
Jedes Mal?
AK:
Der Exzess ist für mich was Tolles, was wahnsinnig Tolles. Sich zu verausgaben finde ich großartig. Oh Gott, wahrscheinlich beantworte ich das in ein paar Jahren ganz anders.
PV:
Dann machen wir in ein paar Jahren ein weiteres Interview. Danke André, für das Gespräch heute.
 
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