Nikolaus und Annette Köwerich

Winzer

Nikolaus und Annette Köwerich sind leidenschaftliche Winzer, würden nichts anderes tun wollen, empfinden ihr Leben als einfach gut, lieben ihre Zusammenarbeit und folgen dem Motto: Der Wein erfreue des Menschen Herz.

PV:
​Trinkt Ihr auch Bier?
NK:
​Ja klar.
AK:
​Aber mehr so Spezialitätenbiere wie fränkisches Rauchbier. Sehr speziell. Das fand ich so gut, dass ich einen 6er Pack gekauft habe, damit der Nick mal erlebt, wie toll Bamberg schmecken kann.
PV:
​​Was ist ein wirklicher Weinkenner, was macht ihn aus?
AK:
​Selbstvertrauen. Der vertraut sich selbst als der endgültigen Geschmacks-instanz, dass was ihm schmeckt ist der beste Wein der Welt.
NK:
​​Und seine Neugier, er sollte neugierig sein auf alle Weine. Dann wird er automatisch irgendwann zum Weinkenner und solche Personen wissen auch, dass man bei Blindverkostungen komplett danebenliegen kann, weil die Weinwelt so groß ist. Also ist Demut angesagt, denn der Weinkenner weiß, dass man nicht perfekt sein kann, sondern immer ein Suchender ist.
PV:
​Was macht denn einen guten Winzer aus?
NK:
Wir wollen den Wein ja feiern.
​​Das sollte einer sein, der beobachtet, forscht, der die Natur im Blick hat, den Jahrgang, das Jahr, der das Wetter kennt und der versucht das zu erhalten, was wir durch die Trauben bekommen. Er ist einer, der sein Wissen weitergibt, denn das was er hat, hat er ja auch von den Vorfahren bekommen. Das Wissen darum wie man Weine anbaut und ausbaut, denn das ist von Region zu Region verschieden. Der gute Winzer ist auch immer etwas unzufrieden mit dem was er macht, denn er könnte es ja besser machen.
PV:
​​Inwieweit ist er abhängig?
NK:
​Wir sind absolut von der Natur abhängig. Frost, nicht Forst, Hagel, nein, ja, früher Austrieb, später Austrieb, man lernt halt darauf zu reagieren und klar sind wir auch Geschäftsleute, die etwas vertreiben. Da gibt es einen globalen Markt und die Frage, die sich jeder Winzer stellen muss: Was kann ich gut? Was kann ich nicht gut? Was können die anderen besser? Wo ist meine Nische?
PV:
​Was könnt ihr denn besonders gut?
NK:
​​Im Prinzip haben sich unsere Vorfahren schon für den Riesling entschieden. Heute können wir sehr gut Weine machen, die fruchtiger und im Alkohol niedriger sind und die eine leichte Restsüße haben. 98 % der Weißweine auf der Welt sind ja trocken und vielleicht machen wir als Rieslingerzeuger genau die 2 %, die wohlschmeckend sind und viel Aroma haben.
AK:
​​Aber du hast auch jahrelang darüber nachgedacht, wie die Seele des Moselweins sein könnte. Ist das mehr wie ein Chablis oder ist das was anderes. Wir haben wirklich gesucht. Und dann hat die Natur uns die Entscheidung abgenommen. 2003 waren die Trauben hochreif und wenn wir die hätten durchgären lassen, wären sie breit und fett geworden. Da hat der Nick gesagt, das will ich nicht. Daraufhin haben die Zeitungen geschrieben, unsere Weine seien spritzig und harmonisch.
NK:
​​​Genau. Es hat sich dann gezeigt, dass viele Verbraucher den Wein mögen und ich habe gelernt, dass es nicht entscheidend ist ob der Wein trocken, süß oder halbtrocken oder rot, rose oder weiß ist oder welche Rebsorten es sind, entscheiden ist, dass der Wein schmeckt.
PV:
​​Was seid ihr? Leidenschaftliche Weintrinker oder leidenschaftliche Winzer?
AK:
​​Beides gleichzeitig.
NK:
​​​Neugierige Weintrinker und neugierige Verbraucher.
AK:
​​​Aber ich finde das Wort Verbraucher grauenhaft, Begriffe wie Weinliebhaber oder Weinenthusiasten sind mir lieber.
PV:
​​Ist man als Winzer eigentlich der Gefahr ausgesetzt Alkoholiker zu werden?
AK:
​Klar.
NK:
​Natürlich.
NK:
​​Wir genießen den Wein und nutzen das meist um andere Weine kennenzulernen. Wenn Gäste kommen um Wein zu probieren, machen wir natürlich eine neue Flasche auf, aber die Reste geben wir den Gästen immer gerne mit. Aber klar, man muss vorsichtig sein und mit dem Alkohol haushalten und ab und zu mal fasten.
AK:
​​Wir wollen den Wein ja feiern. Wir wollen, dass er uns rar und kostbar bleibt.
PV:
Haben Menschen eine Macke, die zu einem bestimmten Essen nur einen bestimmten Wein trinken wollen?
NK:
Also ich glaube es gibt zwei Sorten von Weinfreunden. 50 % trinken immer den gleichen Wein und 50 % sind neugierig auf etwas Unbekanntes. Das sind die Kunden, die für uns interessant sind. Aber es ist halt auch Geschmackssache und man kann niemandem dazu raten jetzt mal neugierig zu sein, wenn er es nicht ist.
PV:
​​Du hast mal gesagt, dass es sehr viel interessanter wäre beim Essen zuerst den Wein zu wählen und dann danach das Gericht zu bestellen. Gibt es denn Restaurants die das anbieten?
NK:
​Tatsächlich ist es einfacher zum Wein ein Essen zu kreieren, als zu einem Essen den wirklich passenden Wein zu finden, aus einem meist riesigen Weinkartenangebot. Aber es kommt selten vor, dass es Restaurants gibt, in denen der Gast zunächst gefragt wird welchen Wein er trinken möchte, gefolgt von der Frage des Gastes: „Und was sollen wir dazu essen?“
PV:
Kann man Geschmack lernen?
NK:
Der Weinkenner weiß, dass man nicht perfekt sein kann, sondern immer ein Suchender ist.
​Wer Interesse hat, kann das natürlich lernen. Es gibt ja viele tolle Weine auf der Welt und die haben alle eine gewisse Eigenart. Sie sind ausbalanciert oder haben ein schönes Süße-Säure-Spiel, sie haben einfach eine schöne gute Frucht, die nicht zu extrem ist, Würzigkeit oder auch extreme Aromen wie Pferdestall oder so was im Rotweinbereich. Aber da muss man probieren, probieren, probieren, bis man seinen Geschmack gefunden hat.
PV:
​Sind die Winzer hier im Umkreis alle eine große Familie oder gibt es da großen Konkurrenzkampf?
AK:
​Hier bei uns gibt es einen sehr schönen Wettbewerb.
NK:
Es ist einfacher, zum Wein ein Essen zu kreieren, als zu einem Essen den wirklich passenden Wein zu finden.
​​Wir sind alle Konkurrenten in der Qualität, das ist das Gute und im Idealfall sind wir auch eine große Familie. Viele, viele Winzer sehen das auch so und ganz viele machen zurzeit positive Stimmung für deutsche Weine, denn im Endeffekt sind die Moselwinzer nur ein Teil dieser großen Deutschen Weinfamilie. Die Badener, Pfälzer, Rheinhessener, Rheingauer, Franken, Saale, Mittelrhein – überall gibt es tolle Winzer, die tolle Sachen machen und man hat untereinander so eine freundschaftliche Basis, weil man halt gemerkt hat, dass es auch nur zusammen geht. Unsere Konkurrenz ist im Endeffekt der Gallo aus Kalifornien, aus der größten Kellerei der Welt.
PV:
​​Ihr habt drei Töchter, die mit dem Wein groß geworden sind. Haben die immer mitgearbeitet oder konnten die spielen wie sie wollten?
NK:
​​Also ich glaube, wir haben sie jetzt nicht zur Arbeit gezwungen.
AK:
​​​Die wollten immer mit zum Traubenlesen, aber für kleine Kinder ist das zu gefährlich. Wir haben es dort mit Maschinen und Steilhängen zu tun, deshalb war ich dagegen. Für uns ist die Traubenlese immer wie die Prüfungszeit bei Studenten, eine Zeit voller Adrenalin und dann ist große Aufregung im Hause. Als die Kinder älter waren durften sie auch zum Traubenlesen mitgehen. Sie haben dann für ihre Mitarbeit auch Geld bekommen. Daher gehen sie gerne mit und holen dann auch Freundinnen dazu. Weinmessen zu besuchen finden sie schick.
NK:
​​​Sie waren auch schon mit auf Weinpräsentationen in Berlin oder Weiterstadt. Aber keine der drei Töchter hat sich bis jetzt für den Weg der Winzerin entschieden. Wir wollen sie da auch nicht beeinflussen. Ich glaube halt, dass man ein Unternehmen wie wir es sind, klein und fein, mit Leidenschaft machen muss und nicht weil die Eltern es wollen.
PV:
​​Wie war das denn bei dir?
NK:
​Ja, ich war schon von Anfang an sehr interessiert am Weinbau. Ich bin schon als Jugendlicher gern mit in den Weinberg gegangen und habe meinen Eltern geholfen und schon vor der Oberstufe klar entschieden, dass ich Weinbau machen will.
AK:
​​Und der Bruder war total erleichtert.
NK:
​​Zu der Zeit war es noch üblich, dass der Älteste übernimmt, aber dann habe ich Weinbau studiert und das war für alle gut so. Ich habe halt irgendwann festgestellt, dass im Weinbau einfach sehr schön gelebt wird, dass es total interessant ist und dass da viel Leidenschaft im Spiel ist. Das hat mir gefallen.
PV:
​Kann man auch Winzer werden ohne in einer Winzerfamilie groß geworden zu sein?
NK:
Das geht perfekt, weil es die Bildungsmöglichkeiten in Deutschland gibt. Man kann eine Winzerlehre machen, danach studieren und sich da reinarbeiten.
PV:
Was macht ein Winzer ohne Weinberg?
NK:
Da gibt es viele schöne Jobs, große Unternehmen, die Betriebsleiter, Kellermeister, die Vertriebsleute oder Sommeliers suchen oder Zulieferer von Korken oder Maschinen und es gibt eine große Sparte an Kellerei-maschinenherstellern, Maschinenbauunternehmen, die auch Winzer einstellen.
PV:
​Gut, aber wenn man wie ihr eigene Weine machen will, da gibt es dann doch wenige Zugangsmöglichkeiten, wenn man nicht reingeboren ist?
AK:
​Landbesitz ist das Geheimnis.
PV:
​​Oder gut einheiraten.
PV:
​​Gibt es bei Winzern auch so etwas wie professionelle Unternehmensnachfolge?
NK:
​Wir sind alle Konkurrenten in der Qualität.
Es gibt mittlerweile auch eine Agentur, eine Immobilienagentur, die Weingüter handelt oder vermittelt. Wenn irgendwann der Generationswechsel nicht klappt, steht ja da irgendwas, was irgendwo hinmuss. In den letzten Jahren ist Weinbau auch produktiver geworden, Weingüter, die früher 5 ha groß waren, sind heute gute 10 ha groß. Das heißt natürlich auch, dass Flächen, die frei werden, von Weingütern aufgekauft werden.
PV:
​​Würdest du es nochmal machen?
NK:
​​Ich würde es nochmal machen. Im Prinzip weiß auch jeder Winzer, dass der Titel nichts sagt, sondern es ist der Mensch, der nachher den guten Wein hinkriegt oder nicht.
PV:
​​Gibt es schlechte Jahrgänge?
NK:
​​Das wollen wir ja verhindern, indem wir die Rebe kultivieren. Dieser große Unterschied, den es früher zwischen einem guten und einem schlechten Jahrgang gab, hat sich durch die Klimaerwärmung nivelliert. Vielleicht auch durch bessere Winzer. Winzer haben heute eine sehr gute Ausbildung. Das heißt nicht, dass sie fertig sind, aber sie haben eine sehr gute Basis und das hat natürlich auch dazu geführt, dass die Weinqualitäten besser geworden sind.
PV:
​Machen es sich viele zu einfach?
NK:
​​Einige sagen schon, ob mit der Maschine oder der Hand geerntet, schmeckt doch keiner. Im Steilhang ist es bei uns immer noch Handlese. Es gibt zwar eine Maschine, aber die ist noch nicht ausgereift. Die Frage ist, ob man für die teureren Weine überhaupt eine Maschine einsetzen soll, weil die ja nicht selektieren kann und mit der Mannschaft kann man am Stock halt nochmal entscheiden, was man wirklich nimmt.
PV:
Der Beruf des Winzers wird gerne romantisiert, was sind denn die Herausforderungen?
NK:
​Als Winzer muss man das Unternehmen Weingut im Blick haben. Also von der Erzeugung der Traube, über den Ausbau, die Abfüllung hin zur Vermarktung ist das ein enorm vielseitiger Beruf. Der Winzer ist Generalist, weil er es mit der Natur zu tun hat, dem Handwerk, Unternehmensplanung, Menschenführung. In Europa besteht das Unternehmen Weingut immer aus der Familie, die das mit Aushilfskräften macht, aber selten mit festen Angestellten. Deshalb ist die Größe eines Weinguts auch von der Größe der Familie abhängig.
PV:
​​Ist das gemeinsame Schaffen die Herausforderung?
NK:
​​Im Prinzip ist das die Herausforderung und das ist schön so, jedenfalls bei uns. Ich find es sehr, sehr schön mit meiner Frau zusammen dieses Unternehmen Weingut zu machen.
PV:
​Habt ihr Arbeitsteilung oder macht ihr alles zusammen?
NK:
​Wir probieren zusammen die Weine.
AK:
​​Ich bin für die Endverbraucher zuständig, die Kommunikationschefin.
NK:
​Wir besprechen viele Dinge gemeinsam, wohin wir uns entwickeln wollen, wie die Strategie aussehen kann und meine Frau hat viele Ideen, wenn es um neue Weine geht, wie sie heißen sollen und in welcher Preiskategorie wir sie ansiedeln wollen.
PV:
​Wie kreiert man einen neuen Wein?
NK:
​​Da ist zum Beispiel das Fräulein Mosel, unser neuer Wein. Mit der Benennung dieses Weines wollen wir den Moselwein wieder direkter zu erkennen geben. Bei unseren anderen Produkten erkennt man das ja nicht auf den ersten Blick. Wir wollen die Dachmarke Mosel auch wieder für uns verwenden, weil es uns und den Moselwinzern gelungen ist zu beweisen, dass Moselwein was Tolles ist.
AK:
​​​Als wir den ersten Wein aus 2016 probiert haben, habe ich gesagt, boah, das ist Fräulein Mosel. Zuerst kam mir Ophelia in den Sinn, nach meiner Romanfigur, aber alle anderen waren dann für Fräulein Mosel und der Name ist es dann auch geworden.
NK:
​​​Außerdem wollten wir den Wein in der Preisklasse über zehn Euro etablieren, denn Feen und Elfen und Träumer und Helden sind unter zehn Euro.
AK:
​​​Und es muss PLING machen. So war das bei Feen und Elfen und Träumer und Helden auch, da hat uns der Wein begeistert und zu den Namen inspiriert.
PV:
​​Sind Inhalt und Aussehen gleich wichtig?
NK:
Beides ist ganz, ganz wichtig. Wein ist ein sinnliches Produkt. Wir folgen dem Gedanken: Der Wein erfreue des Menschen Herz (Psalm 104,15) und halten es mit Lea Linster, die sagt, der Gast muss fröhlicher rausgehen als er reingekommen ist. Da spielen äußere Ästhetik und innere Harmonie eine gleich große Rolle.
PV:
​​Gibt es genug Nachwuchs für den Winzerberuf?
NK:
​​Da hier an der Mosel viel Weinbanbau am Steilhang ist gibt es nicht so viel Generationsnachfolger wie das in Rheinhessen der Fall ist. Dafür erzeugen wir Weine, die es in anderen Regionen nicht gibt und wenn die Nachfrage groß ist, dann wird es für die Nachfolger auch wieder interessanter.
PV:
​​Wo kann ich euren Wein kaufen?
NK:
​​​Im Weinfachhandel, im Großhandel, in guten Restaurants, wie dem NOOIJ DUTCH DELI in Düsseldorf, bei Sterneköchen und bei uns.
PV:
​​​Stellt ihr Praktikanten ein oder bildet ihr aus?
AK:
​​​​
​Ich war schon von Anfang an sehr interessiert am Weinbau.
Gestern war noch ein junger Mann aus der Champagne hier, der ein Praktikum bei uns machen wird. Ausbilden tun wir nicht. Aber es könnte durchaus jemand ein Praktikum machen, der dann in den elterlichen Betrieb zurückgeht. Denn in letzter Konsequenz ist uns daran gelegen, dass die Weinqualität aller Winzer besser wird. Denn am Ende geht es natürlich darum zu verkaufen, dass Verbraucher oder Weinliebhaber, Fachhändler, Mitarbeiter der Großhändler an die Mosel kommen, die Schönheit der Mosel sehen und mit dem guten Gefühl nachhause fahren, dass es totalen Spaß macht Moselwein zu trinken. Tolle Region, tolle Winzer, tolle Weine.
PV:
​​​​Was für ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das anregende Gespräch.
www.weingutkoewerich.de


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