Michael Fietz

Bestatter

Interview mit Michael Fietz - Bestatter. Aus Reinschnuppern ist Neugier geworden, aus Neugier Selbstbestimmung und aus Selbstbestimmung Leidenschaft, die auf dem Wissen beruht, dass das Leben endlich ist und man deshalb jetzt mit aller Kraft leben sollte.

PV:
Herr Fietz, Sie haben täglich mit dem Tod zu tun, hat das dazu geführt, dass Sie das Leben mehr zu schätzen wissen als Menschen in anderen Berufen?
MF:
Dadurch, dass ich mit einem Bestattungsunternehmen aufgewachsen bin, habe ich schon früh mitbekommen, dass alles viel unerwarteter vorbei sein kann, als man denkt. Es gibt natürlich viele Menschen, die mit 90 Jahren, nach fünf Jahren im Pflegeheim, versterben. Dann ist es keine Überraschung für die Angehörigen, aber es gibt auch immer Unfälle, unheilbare Erkrankungen und so weiter, bei denen sogar junge Leute sterben. Von daher, wenn man darüber nachdenkt, dann...
PV:
...wird einem der Wert des Lebens bewusster?
MF:
Genau. Dann versteht man, dass man Dinge, die man machen will, nicht aufschieben sollte auf irgendwann, weil es das Irgendwann vielleicht gar nicht geben wird.
PV:
Wurden Sie Bestatter aus einer Familientradition heraus oder aus einer Leidenschaft?
MF:
Ich glaube, dass es gewiss ist, dass es keine Gewissheit gibt.
Ursprünglich aus der Familientradition heraus und weil ich nicht wusste, was ich werden wollte. Ich bin die vierte Generation, die das Familienunternehmen führt. Also habe ich mir das nach der Schule erst mal angeguckt bei meinem Vater, so ein neugieriges Reinschnuppern, was macht mein Vater eigentlich die ganze Zeit und wäre die Richtung etwas für mich? Als ich dann festgestellt habe, dass ich für diesen Job wie gemacht bin, ist aus dem Schnuppern tatsächlich Leidenschaft geworden.
PV:
Was ist für Sie das Schönste am Leben?
MF:
Ich glaube, das Schönste und Wichtigste am Leben ist für mich, dass ich selber bestimmen kann wo es lang geht, welche Richtung ich einschlage und auch wie der Alltag aussieht. Dann gibt es da noch diese schöne Spannung zwischen dem Großen und Ganzen, wo sehe ich mich in 10, 20 und 30 Jahren und der Frage, was mache ich morgen, was mache ich jetzt, heute Mittag.
PV:
Glauben Sie an die Wiedergeburt?
MF:
Nein. Da bin ich eher pragmatisch.
PV:
Welcher Gedanke tröstet Sie, wenn Sie an den Tod denken?
MF:
Ich glaube, dass der Tod selber etwas ist, was wir nicht mitbekommen, von daher tut er auch nicht weh.
PV:
Warum haben dann so viele Menschen Angst vor dem Tod? Andere Kulturen feiern ihn ja zum Beispiel?
MF:
Man muss den Tod unterschiedlich betrachten, einmal aus dem eigenen Blickwinkel und Empfinden und zum anderen wie die Angehörigen damit umgehen. Ich glaube, andere Kulturen gehen positiver damit um, weil der Glaube ein anderer ist. Für viele Gläubige, ob das Paradies im Christentum, die Wiedergeburt bei Hindus und Buddhisten oder anderen Religionen, ist der Tod einfach die Chance darauf, ein schöneres und besseres Leben zu haben als hier auf Erden.
PV:
Warum wird der Tod dennoch bei uns so tabuisiert?
MF:
Ich hätte mir nicht vorstellen können, was ich ohne Sie getan hätte.
Ich glaube, dass das weniger mit den religiösen oder kulturellen Einstellungen zu tun hat, als vielmehr mit der Angst vor dem Ungewissen. Es war noch nie jemand dort, der sagen kann, wie es da drüben oder da oben ist. Es ist alles nur Glaube. Es kann natürlich auch sein, dass ich falsch liege und ich irgendwann auch auf der Wolke sitze und zugucke.
PV:
Gibt es Orte, an denen Sie lieber leben würden als in Deutschland?
MF:
Nein, eigentlich nicht. Es ist natürlich immer schön, irgendwo Urlaub zu machen und in Thailand am Strand zu liegen und zu denken, wäre schon schön, wenn das Büro jetzt hier um die Ecke wäre. Aber im Endeffekt ist meine Familie hier, meine Freunde sind hier und ich bin jemand, der eher an diese Menschen gebunden ist als an das Äußere. Man kann es sich überall schön machen, es ist mir wichtig, meine Menschen um mich zu haben.
PV:
Wenn ein 18-jähriger zu Ihnen kommt und sagt, er würde gerne Bestatter werden, würden Sie ihm zu oder abraten?
MF:
Ich würde erst mal versuchen herauszufinden, aus welchem Grund er das möchte. Wenn der einzige Grund ist, weil er viel Geld verdienen möchte, das ist ja leider auch das Vorurteil bei Bestattern, dass man leicht an Geld kommen kann, wenn man den Angehörigen nur das Richtige erzählt, wäre das eine völlig falsche Herangehensweise. Man ist ja als Bestatter nicht ein Lottogewinner und muss nichts tun, sondern man muss für die Menschen da sein, die gerade ein schweres Schicksal ereilt hat, man ist Dienstleister. Von daher würde ich erst mal versuchen herauszufinden, was er sich vorstellt, was er für Voraussetzungen hat und ihm dann zu- oder abzuraten.
PV:
Aber den Beruf als solchen erleben Sie als positiv?
MF:
Auf jeden Fall. Es hat ein bisschen gedauert bis ich wertschätzen konnte wie toll es ist Menschen helfen zu können, in meinem Beruf. Also nicht irgendwo am Fließband zu stehen und nur ein Teil von irgendwas zu sein. Ich sehe die lebenden Menschen bei einer Bestattungsvorsorge, bei einem akuten Sterbefall die Angehörigen, wie es denen geht, bis Wochen nach der Bestattung. Ich habe dieses Rundumpaket und das ist etwas, was sich sehr schön anfühlt.
PV:
Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten zeichnen einen guten Bestatter aus?
MF:
Gute Arbeit ist die beste Werbung.
Einfühlungsvermögen auf jeden Fall, Anpassungsfähigkeit und man muss Interesse haben, sich auf verschiedenen Menschen und Situationen einzulassen. Es gibt immer wieder Gespräche mit Leuten, die vielleicht ein bisschen einfacher gestrickt sind und alles pragmatisch sehen und im nächsten Moment sitze ich vor jemandem, der genau den Zeilenabstand in Trauerkarten mitbestimmen möchte. Da den richtigen Weg hinzubekommen und sich auf alles einzulassen, ist immer eine tolle Sache.
PV:
Braucht man ein sonniges Gemüt, eine gewisse Resistenz, um mit dem Thema gut umgehen zu können?
MF:
Es hilft, ja. Es ist auch so, dass die meisten Kollegen oder andere Bestatter, die ich bei Fortbildungen kennen gelernt habe, immer sehr laut sind. Wenn wir in einer Kneipe zusammensitzen, sind die Bestatter die lautesten.
PV:
Heute wollen Menschen immer häufiger in der Natur beerdigt werden, was halten Sie davon?
MF:
Ich bin der Meinung, dass man das ermöglichen sollte. Ich finde das gut. Es gibt immer noch sehr, sehr viele Leute, die auf den Friedhof möchten, aber bei der Naturbestattung muss man auch immer die Angehörigen bedenken, die ja mit dem Tod leben müssen. Eine Grabstätte ist ja in erster Linie für die Angehörigen gedacht, als Gedenk- und Abschiedsort und wenn der Beisetzungsort die Nord- oder Ostsee ist, dann kann man nicht mal eben zur Ostsee fahren, um sich zu verabschieden. Da ist ein Friedhof natürlich eine naheliegendere Stelle.
PV:
Haben Sie schon mal festgestellt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen, wie jemand gelebt hat und wie er gestorben ist?
MF:
Nein, da gibt es meiner Meinung nach keinen Zusammenhang. Es gibt sowohl fröhliche Menschen, die leidend an einer Krankheit sterben als auch umgekehrt.
PV:
Gibt es im Tod Würde und wie drückt sie sich aus?
MF:
Auf jeden Fall gibt es Würde. Für mich sind Verstorbene immer noch Menschen und keine Gegenstände, die es verdient haben, dass man genauso vorsichtig und respektvoll mit ihnen umgeht wie zu ihren Lebzeiten. Was die Beerdigung angeht, kann man alles ganz schlicht halten, auf jeden Fall sollten die Wünsche des Verstorbenen respektiert werden. Mir macht es besonderen Spaß herauszufinden, auf welche Weise jemand individuell beerdigt werden kann, was zu ihm am besten gepasst hätte.
PV:
Sind junge Bestatter im Leben risikofreudiger als Gleichaltrige in anderen Berufen?
MF:
Risikobereiter würde ich nicht sagen. Ich glaube aber, dass die Schwelle zwischen „Soll ich es jetzt wirklich machen?“ und „Ach, ich mache es einfach“ niedriger ist als bei vielen anderen. Es geht mehr darum nichts aufzuschieben, sondern die Dinge jetzt zu machen, weil man nicht weiß, was kommt.
PV:
Neben Tod und Steuern, was sind die anderen Gewissheiten in Ihrem Leben?
MF:
Gewissheiten gibt es nicht so viele.
PV:
Eine?
MF:
Ich glaube, dass es gewiss ist, dass es keine Gewissheit gibt. Es kann jederzeit alles Mögliche passieren und man kann natürlich Ziele verfolgen, aber ob man noch dazu kommt die zu erreichen, ist fraglich.
PV:
Gibt es eine Gewissheit in Ihrem Leben, von der Sie sagen, so werde ich immer sein?
MF:
Meine positive Grundeinstellung, meine Zuversicht.
PV:
Welcher Gegenstand in Ihrer Wohnung beschreibt sie am besten?
MF:
Ich habe seit ca. anderthalb Jahren eine Wand, auf die ich Polaroids von meiner Familie und meinen Freunden geklebt habe bzw. klebe. Das Ganze ist groß wie eine Wolke. Im Zentrum stehen meine Familie und drum herum meine Freunde und das ist mir sehr wichtig.
PV:
Wenn Sie die Wahl hätten, was würden Sie wählen, Katze oder Hund?
MF:
Ich bin hin- und hergerissen. Meine Eltern hatten einen Hund, also ich auch, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe. Ich fühle mich mit Hunden wohler. Ich finde Katzen interessant und ich mag auch ihre Eigenständigkeit, aber manchmal sind mir Katzen auch zu zickig.
PV:
Was ist das Angeberischste, was Sie je getan haben?
MF:
Ich würde es nicht angeberisch nennen, aber ich habe vor zwei Jahren meine durchaus ausreichende 56 m² Wohnung mit dem Appartement von nebenan etwas kostenintensiv zusammengelegt, auf 86 m². Darauf bin ich stolz und ich freue mich wenn ich es Leuten zeigen kann. Aber was Angeberisches….? Ich weiß nicht, ob ich irgendwas Angeberisches machen würde, ich bin relativ sparsam. Es gibt Dinge, auf die ich Wert lege...
PV:
...zum Beispiel?
MF:
Bei Anschaffungen hat das Thema Nachhaltigkeit einen festen Platz in meinem Leben. Lieber kaufe ich mir einmal im Jahr einen Fairtrade-Bio-Baumwollpullover als mehrere bei Primark.
PV:
Können Sie sich auch eine andere Tätigkeit vorstellen?
MF:
Nichts, das mir so viel Spaß machen und wo ich so viel positive Resonanz bekommen würde.
PV:
Was macht denn den Spaß aus? Das ist ja ein toller Begriff in dem Zusammenhang.
MF:
Der Spaß ist, immer mit anderen Leuten zu sprechen, sich immer auf andere Leute einzustellen, für die Leute da zu sein. Es ist ein unglaublich tolles Gefühl, wenn man vier oder sechs Wochen lang Leuten in der schweren Zeit zur Seite stand und sie am Ende bei der Rechnungsübergabe sagen: „Ja, das bezahle ich gerne, weil Sie uns sehr geholfen haben. Ich hätte mir nicht vorstellen können, was ich ohne Sie getan hätte.“ Das ist Spaß und Ansporn zugleich, auch weiterhin mein Bestes zu geben, um das wieder erleben zu können.
PV:
Und die Selbstbestimmung haben Sie auch erreicht, weitestgehend?
MF:
Zumindest intern, aber natürlich bin auch ich abhängig. Wir haben 24 Stundendienste und Bereitschaft und zum Glück habe ich im Moment noch meine Eltern, die im Unternehmen mitarbeiten und ich habe Feierabende. Aber wenn meine Eltern im Urlaub sind für drei Wochen, dann habe ich drei Wochen Bereitschaft. Von daher kann ich zwar tun was ich möchte, ich muss aber darauf achten, dass ich immer das Telefon in der Nähe habe, dass ich nicht zu weit weg bin vom Geschäft, um auch abends mal schnell reagieren zu können. Es gibt eine Abhängigkeit, aber die ist eher ein Dasein für die Angehörigen oder potentiellen Angehörigen.
PV:
Also könnten die Hinterbliebenen Sie auch abends oder am Wochenende erreichen, wenn sie ein Problem hätten?
MF:
Genau. Diese Bereitschaft ist ein wichtiger Service, denn Menschen sterben ja nicht Werktags zwischen 9 und 5 und das kann nachts genauso gut sein wie am Wochenende. Überwiegend sterben Menschen zu Hause, im Heim oder im Krankenhaus.
PV:
Rufen abends auch Menschen an, die weinend seelischen Beistand wollen?
MF:
Eher nicht. Ich bin der Bestatter, weniger der Seelsorger. Das geht natürlich ineinander über. Doch bei mir geht es eher um das Organisatorische.
PV:
War das schockierend für Sie Ihren ersten Toten zu sehen?
MF:
Ja, war es. Weil die Gelenke der Verstorbenen oft steif sind, da kann es sein, dass Gliedmaßen ein wenig abstehen. Das ist etwas, woran man sich sehr schnell gewöhnt, aber bei meinem ersten Verstorbenen war das schon was Eindrückliches.
PV:
Gibt es Menschen, die kommen und sagen: „Sie sind aber noch sehr jung für einen Bestatter, ist Ihr Vater im Haus?“
MF:
Bei den ersten Sterbefällen, die ich selber bearbeitet habe, hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Leute ein bisschen skeptisch waren, warum da jetzt so ein junger Typ vor ihnen sitzt, der ihnen was vom Leben erzählen will. Mittlerweile ist das nicht mehr so.
PV:
Wie alt sind Sie jetzt?
MF:
32 Jahre.
PV:
Sie machen das schon seit zwölf Jahren?
MF:
Ganz genau. Und wie gesagt, mit Freude.
PV:
Eine letzte Frage, wie akquiriert man als Bestatter oder ist das nicht nötig, weil alles über die Empfehlung läuft?
MF:
Internetpräsenz ist wichtig. Ich hatte als einer der Ersten eine Facebook-Seite. Mittlerweile haben alle eine. Darüber hinaus mache ich nicht viel. Gute Arbeit ist die beste Werbung. Ich bitte meine Kunden um eine Google-Bewertung, was gut angenommen wird. Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert nach wie vor gut.
PV:
Wird sich aus Ihrer Sicht das Bestattungsgewerbe in Zukunft verändern oder neu aufstellen, weil es neue Anforderungen gibt?
MF:
Ich würde mich freuen, wenn es irgendwann nur noch Bio-Urnen gibt und ökologische Särge.
Es geht definitiv alles in Richtung Einäscherung und dass man wie früher als klassischer Tischlerbetrieb, der nebenbei auch die Beerdigungen gemacht hat, die Haupteinnahme durch den Sarg erwirtschaftet, ist schon lange vorbei. Von daher gibt es viele Nebenleistungen, die heute angeboten werden, wie Fotoleinwände, Kerzenaufbauten, Trauerbriefe, Zeitungsanzeigen, Schmuck. Ich würde mich freuen, wenn es irgendwann nur noch Bio-Urnen gibt und ökologische Särge. Älteren Leuten mangelt es noch ein wenig an Umweltbewusstsein und bei den jungen Leuten, die jetzt dieses Umweltbewusstsein haben, wird sich dieser Bestattungstrend erst in 30 bis 50 Jahren durchsetzen.
PV:
Vielen Dank für das Gespräch.
MF:
Danke auch.
 
​​​ 
http://www.bestattungen-beltermann.de

 



Weitere PassionVictims...