Mara Stock

Kunsthistorikerin und Projektleiterin der Langen Foundation

Interview mit Mara Stock - Kunsthistorikerin und Projektleiterin der Langen Foundation. Sie empfindet es als großes Glück mit Kunst ihr tägliches Brot verdienen zu können.

PV:
Mara, als wir dich das erste Mal trafen, hast du gesagt: Kunst ist meine Leidenschaft. Was bedeutet das genau?
MS:
Dass ich mich jeden Tag mit Kunst umgebe, auseinandersetze und mich mit KünstlerInnen und ihren Werken inhaltlich beschäftige. Kunst ist meine Leidenschaft und mein tägliches Brot. Dass das zusammenkommt, empfinde ich als großes Glück.
PV:
Kommst du aus einer Künstlerfamilie?
MS:
Nein, aber ich komme aus einer Familie, die sich immer schon für Kunst interessiert hat. Mein Vater kann gut malen, er hat mir sicher einiges mit auf den Weg gegeben.
PV:
Ist es im Kunstbetrieb ein Vorteil oder ein Nachteil Frau zu sein?
MS:
Ich finde es generell keinen Nachteil, eine Frau zu sein. Es kommt immer darauf an, wie man sich als Frau präsentiert, darstellt und andere von dem, was man ist, überzeugen kann. Ich mache keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.
PV:
Musstest du lernen, dich durchzusetzen oder liegt das in deinem Naturell?
MS:
Es liegt sicher nicht in meinem Naturell. Ich versuche, dass man aufgrund klarer Vereinbarungen miteinander arbeitet, klar argumentiert, klare Ziele vor Augen hat und die gemeinsam umsetzt. Wenn ich sehe, dass dabei einer aus der Reihe tanzt, dann setze ich mich durch, aber im Prinzip bin ich keine autoritäre Person.
PV:
Müssen Künstler zu einer Ausstellung verführt oder gedrängt werden oder ist es ganz einfach, sie zu einer Ausstellung zu bewegen?
MS:
Ich mache keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.
KünstlerInnen wollen ja gesehen werden mit dem, was sie tun. Sie wollen wahrgenommen werden. Deswegen haben die meisten ein Interesse daran, sich und ihre Kunst zu präsentieren. Das ist manchmal schwierig, weil wir nicht alle ausstellen können.
PV:
Also gibt es mehr Anfragen als Angebote?
MS:
Es gibt viele Anfragen von KünstlerInnen.
PV:
Sind das eher unbekannte Künstler, die Anfragen stellen?
MS:
Diejenigen, die bekannter sind, fragen nicht mehr selbst an. Es sind also vor allem jüngere oder diejenigen, die nicht so genau wissen, wie es in so einem Ausstellungsbetrieb läuft.
PV:
Wie müsste man denn als Künstler vorgehen?
MS:
Da gibt es keinen Königsweg. Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin eine Galerie hat, sollte es darüber laufen. Auf der anderen Seite schauen wir uns Ausstellungen an und machen Atelierbesuche.
PV:
Reagiert ihr auch, wenn euch Künstlerinnen oder Künstler anschreiben?
MS:
KünstlerInnen wollen ja gesehen werden mit dem, was sie tun. Sie wollen wahrgenommen werden.
Da differenzieren wir: Wir prüfen, wer und was passt zu dem Haus in dem ich arbeite, was sind die Inhalte hier und was sind sie dort beim Künstler. Damit habe ich ein wichtiges Auswahlkriterium. Das wissen Künstler natürlich nicht, wenn sie sich hier mit einem Brief vorstellen oder mir ein PDF schicken. Generell lässt es der tägliche Betrieb kaum zu, sich mit seitenlangen PDF-Dateien zu beschäftigen. Als Museum arbeiten wir lieber mit KünstlerInnen zusammen, die ihren Ausstellungswert in einer Galerie oder Museen unter Beweis gestellt haben und auch eine gewisse Resonanz haben.
PV:
Ebenfalls bei unserem ersten Gespräch erwähntest du, dass du oft nach Israel reist, was machst du dort?
MS:
Ich habe viele Freundschaften mit Künstlern und Künstlerinnen dort geschlossen. Ich bin oft beeindruckt von einer unglaublichen Kraft, mit der sie an ihre Werke herangehen. Die zeitgenössische israelische Kunst ist mein persönlicher Arbeitsschwerpunkt und ich möchte gern eine Ausstellung dazu realisieren. Inzwischen haben wir im Namen eines verstorbenen Künstlers eine Foundation gegründet. Mit dieser Foundation vergebe ich alle zwei Jahre einen Preis an ein Nachwuchs-Kollektiv. Bisher in Israel, aber wenn es uns gelingt, wollen wir das weltweit ausschreiben. Der Preis ist im Moment mit 10.000 Schekel dotiert, das sind etwa 2500 Euro, die für die Realisierung eines Projektes gedacht sind, das auch gezeigt werden muss.
PV:
Herlinde Koelbl hat viele alte jüdische Menschen fotografiert und gesagt, dass sie in diesen Sessions mit ihnen gelernt habe, die Stille auszuhalten. Lernst du auch etwas aus deinen Begegnungen mit israelischen KünstlerInnen?
MS:
Ja, sehr viel. Insbesondere schätze ich die Freundschaften, die sich anders darstellen, als wir hier Freundschaften pflegen. Sie sind sehr tief, kein Stück oberflächlich. Das ist meine Erfahrung. Alle Begegnungen hinterlassen bei mir emotionale Spuren. Das spüre ich hier nicht so sehr.
PV:
Wodurch drückt sich das aus?
MS:
Ich glaube, dass wir intensivere Gespräche führen. Inhaltlich tiefer und dass sich die Menschen mehr füreinander interessieren. Das liegt an der Situation und Geschichte der Menschen in diesem Land.
PV:
WGibt es Künstler, die dich einfach nicht mehr loslassen?
MS:
Das wären zu viele, wenn ich sie aufzählen müsste. Es gibt so viele Arbeiten, die mich tief berühren, die mich immer wieder nachdenklich werden lassen.
PV:
Gab es denn eine Begegnung mit der Kunst, die deine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema befördert oder befeuert hat?
MS:
Die Kunstgeschichte aus dem Effeff zu kennen ist Voraussetzung, um sich inhaltlich mit den Sachen auseinanderzusetzen und das richtige Verständnis für die Dinge zu haben.
Es fängt ja meist in Kindheitstagen an und es hat bei mir damit angefangen, dass ich gerne gemalt habe, mir auch viele Sachen in Museen angeschaut und dann relativ schnell gemerkt habe, dass mich alles neben der klassischen Moderne doch sehr fasziniert hat, weil es große Freiheiten im Kopf eröffnet hat. Dann habe ich schon als Kind immer gedacht, wenn ich in eine Kirche reingegangen bin, ich möchte wissen in welchem Jahrhundert sie gebaut wurde, welche Stilmittel benutzt worden sind. So habe ich angefangen, mich mit diesen ganzen Themen, sei es Architektur oder Kunst, auseinanderzusetzen. Fasziniert hat mich von Anfang an die abstrakte Farbmalerei. Das hat sich dann über Studium und ähnliches bis hin zu Videokunst erweitert. Durch meine Arbeit bilde ich mich ja auch tagtäglich weiter fort. Ich würde das Ganze also nicht an einem Künstler festmachen wollen.
PV:
Hast du Vorbilder in deiner Arbeit?
MS:
Nein
PV:
Entspricht das viele Unterwegssein deiner Persönlichkeit oder musst du dich dazu motivieren?
MS:
Nein, wenn ich könnte, würde ich mich noch mehr bewegen.
PV:
Wie breit ist dein Interessenspektrum in der Kunst, kannst du die Pole benennen?
MS:
Ich möchte das nicht eingrenzen, sondern all die verschiedenen Kunstrichtungen immer mit offenen Augen wahrnehmen. Und dann suche ich mir das heraus, in das ich tiefer einsteige, weil es mich in dem Moment mehr begeistert.
PV:
Und was sind die größten Gegensätze, die du gerne betrachtest?
MS:
Die größten Gegensätze? Das finde ich eine schwierige Frage? Was sind denn Gegensätze in dem Moment? Zwischen Malerei und Performance oder...?
PV:
Zum Beispiel?
MS:
Ich sehe das nicht als Gegensätze. Natürlich ist die Malerei ein ganz klassisches Genre, aber deswegen ist die Performance nicht ganz losgelöst von Farbe und auch in der Malerei hast du ja Bewegung. Ich finde es schwierig, da von einem Gegensatz zu sprechen.
PV:
Gibt es ein Ausstellungsprojekt, von dem du träumst?
MS:
Klar: junge israelische Kunst!
PV:
Könnte das hier stattfinden oder würde das hier den Programmrahmen sprengen?
MS:
Nein, aber das müsste ich dann schon auch absprechen, denn das hier ist ja ein Privatmuseum.
PV:
Was muss man mitbringen, um deinen Job zu machen?
MS:
Die Kunstgeschichte aus dem Effeff zu kennen ist Voraussetzung, um sich inhaltlich mit den Sachen auseinanderzusetzen und das richtige Verständnis für die Dinge zu haben. Wenn man darüber hinaus noch andere Fähigkeiten hat, umso besser.
PV:
Welche zum Beispiel?
MS:
Ich denke, dass kaufmännische Fähigkeiten nicht ganz unwichtig sind, weil es wichtig ist, die Kosten von Ausstellungen kalkulieren zu können, egal was im Museum passiert. Oder wie man über Sponsoring oder ähnliches den finanziellen Background für das Museum schaffen kann.
PV:
Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sind unverzichtbar?
MS:
Es braucht die Leidenschaft zur Kunst.
PV:
Braucht es auf der menschlichen Ebene eine bestimmte Qualität?
MS:
Unbedingt! Wir haben mit Menschen zu tun und Künstler sind nicht unbedingt die einfacheren Menschen. Einige wollen nicht immer kommunizieren, andere haben sehr hohe Ansprüche. Auch unseren Besuchern wollen wir gerecht werden, machen Führungen, präsentieren das Haus nach außen.
PV:
Wenn der Umgang mit Kunst deine Leidenschaft ist, gäbe es dazu überhaupt eine Alternative?
MS:
Nein. Niemals
PV:
Würdest du heute jungen Menschen empfehlen, in den Kunstbetrieb einzusteigen oder ist es tatsächlich so, dass Kunst immer noch brotlos ist.
MS:
Ich würde jedem immer sagen, er solle seiner Leidenschaft folgen. Ob er damit viel Geld verdienen wird, sei dahingestellt. Aber einen Beruf zu machen oder eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht von Herzen tut - darin wird man auch nicht viel leisten und dann wird man auch nicht viel verdienen.
PV:
Was fasziniert dich mehr, der Künstler, oder sein Werk?
MS:
Zunächst mal das Werk. Es gibt natürlich sehr faszinierende Menschen unter den Künstlern, aber ich möchte nicht den Künstler präsentieren, sondern das, was er schafft, inwieweit er die Kunst prägt oder nach vorne bringt oder vielleicht ein Statement setzt.
PV:
Hast du das schon erlebt, dass hinter einem aus deiner Sicht wirklich herausragenden Werk eine grauenvolle Persönlichkeit steckt?
MS:
Es gibt viele KünstlerInnen, die durchaus egozentrische Persönlichkeiten sind. Aber im Vordergrund steht das Werk.
PV:
Hat für dich ein Werk mal an Wert verloren, weil du die Person kennengelernt hast, die dahintersteht?
MS:
Nein. Das kann ich trennen.
PV:
Die Langen Foundation ist eine private Stiftung. Hast du dir diese Insel im Kunstbetrieb explizit ausgesucht?
MS:
Ich würde sagen: Wir haben uns gefunden.
PV:
Dankeschön!
MS:
Was mich gefreut hat, ist, dass Sie nicht gefragt haben, wie fühlt es sich eigentlich an als einzige Frau unter Männern? Diese Frage kann ich nicht mehr hören.
PV:
Also du würdest auch in einem anderen Museum arbeiten, wenn das für dich interessant wäre?
MS:
Ich stehe voll und ganz zur Langen Foundation. Ich finde es bewundernswert, wie eine Familie so ein Haus überhaupt gründen konnte und dann auch bespielen kann.
PV:
Und auch einer so ungewöhnlichen Gestalt des Museums zugestimmt hat?
MS:
Ja. Auch einer Größenordnung, die man schon tragen können muss. Dazu gehört eine tiefe Leidenschaft und die hat die Familie Langen über viele Jahre bewiesen.
PV:
Welches berühmte Kunstwerk würdest du gerne besitzen?
MS:
Es ist schön, zu Hause Werke zu haben, wobei es mir nicht darum geht, dass sie großen Wert haben, sondern die meisten stammen aus einer persönlichen Begegnung und haben deswegen vor allem einen ideellen Wert.
PV:
Dann gibt es eine Beziehung dazu?
MS:
Genau. Berühmte Werke möchte ich gar nicht zu Hause haben. Ich sehe sie lieber in Sammlungen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind.
PV:
Da gibt es auch kein Lieblingsstück, das du immer wieder anschaust?
MS:
Nee, es gibt Bilder, die ich immer wieder gerne anschaue, aber ich brauche sie nicht bei mir zu Hause
PV:
Gibt es einen Künstler, den du unbedingt noch kennenlernen möchtest?
MS:
Da muss ich jetzt überlegen. ...Es gibt einige, die ich gerne kennenlernen möchte, Architekten, Künstler...
PV:
Wen zum Beispiel?
MS:
Da ich in der Langen Foundation arbeite, aber noch nie die Gelegenheit hatte mit dem Erbauer Tadao Ando zu sprechen, würde ich das schon gerne mal tun. Ich fühle mich mit diesem Gebäude und mit seiner ganzen architektonischen Idee sehr verbunden.
PV:
Hast du eine Lieblingsfarbe?
MS:
Ich mag Blautöne sehr gerne, unterschiedliche Blautöne.
PV:
Weißt du auch warum?
MS:
Weil sie für mich etwas von Weite haben, sei es der Himmel, sei es das Meer, alles was so in dieses Bläuliche schimmert, sind für mich Horizonte.
PV:
Bist du ein freiheitsliebender Mensch?
MS:
Ja.
PV:
Was sollte sich deiner Meinung nach im Kunstbetriebe zum Positiven verändern?
MS:
Einen Beruf zu machen oder eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht von Herzen tut - darin wird man auch nicht viel leisten...
Etwas mehr Bodenhaftung wäre gut. Wie alles, womit man viel Geld machen kann, nimmt auch der Kunstbetrieb eine Dimension an, die für viele gar nicht mehr nachvollziehbar oder machbar ist. Das ist wie Immobilien, irgendwann sind die Preise durch die Decke gegangen und so lange es Menschen gibt, die diese Preise bezahlen, wird sich nichts ändern. Das macht es für Museen sehr schwer, neue Werke zu erwerben. Ich würde mir hierzulande wünschen, dass Unternehmen sich in diesem Bereich wieder mehr engagieren. Kunst ist ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und für die Ausbildung unseres Nachwuchses enorm wichtig ist. Ich denke, dass wir viel, viel mehr in Kultur, eben auch in Kunst investieren sollten, weil gesellschaftliche Veränderungen häufig von den Intellektuellen und von der Kunst ausgehen. In einer Art stiller Revolution. Dieses Land muss zu seinen Kunstschaffenden stehen. Wir haben in Deutschland sehr viele Museen gebaut, also müssten wir sie auch tragen und unterstützen. Wir können nicht erwarten, dass das ausschließlich private Kreise machen. Denn auch bei den Privaten findet ein Generationswechsel statt und die jüngere Generation kann die private Sammlung vielleicht gar nicht mehr finanzieren. Also: Um unserer Kinder willen sollten viel mehr in die Hinwendung und Öffnung zur Kunst und in die Freiheit der Kunst investieren. Ich bin sicher, dann bewegt sich was in unserem Land.
PV:
Gibt es ein Museum, das für dich Vorbildcharakter hat?
MS:
In der Gesamtbetrachtung hinken wir hier den amerikanischen Museen hinterher. Das gilt vor allem für privat finanzierte Häuser. Wir haben auch in Deutschland große, bemerkenswerte Privatsammlungen, und es gibt den Trend hin zu immer mehr privaten Museen. Das macht aber nicht unbedingt Sinn, wenn man schon sehr viele gute Museen hat. Da wären Fusionen viel sinnvoller. Wenn jeder für sich allein wurschtelt, dann geht das über ein paar Jahre, aber langfristig verzetteln wir uns. Public-Private-Partnership auf Museumsebene – da sehe ich viel Potential.
PV:
Dankeschön Mara. Das war’s.
 
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https://www.langenfoundation.de/home/

 



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