Karl Hans Danzeglocke

Diakon

Interview mit Karl Hans Danzeglocke - Diakon. Damit ist er seiner Berufung gefolgt, engagiert, humorvoll und nah am Menschen.

PV:
Ich habe gehört, dass Sie als Diakon ein göttlicher Redner sind, worin liegt Ihre Leidenschaft, im Glauben oder im Verkünden?
KHD:
Für mich ist das kein Widerspruch. Ich kann nur das verkündigen, was ich auch selbst glaube, worin sich mein Glauben manifestiert. Dann kann ich das auch verkünden.
PV:
Können Sie benennen, woran Sie glauben?
KHD:
Ich glaube, jetzt mal sehr vereinfacht, an Gott, dass Gott mich trägt, nicht in so einer anthropomorphen Vorstellung, sondern ich fühle mich schon getragen von Gott, nach dem Motto: Man kann nicht tiefer fallen, als in die Hand Gottes.
PV:
Sind Sie ein typischer oder ein untypischer Vertreter Ihres Berufsstandes?
KHD:
Ich glaube, dass ich eher ein untypischer Vertreter bin.
PV:
Drückt sich worin aus?
KHD:
Also einmal bin ich ja Diakon im Zivilberuf und zum zweiten war ich immer schon ein sehr aufmüpfiger Mensch, der die Dinge und das Gerieren unserer Oberen kritisch sieht. Aber im Prinzip war es für mich immer wichtig auch mit Randgruppen zu arbeiten, die nicht so viel mit Kirche zu tun haben und das macht mir sehr viel Spaß.
PV:
Was hat dazu geführt, dass Sie diesen Beruf ergriffen haben?
KHD:
Nach der Erstkommunion war ich erst mal weg, da bin ich lieber ins Kino gegangen als in die Kirche.
Ich bin relativ spät zur Kirche gekommen. Nach der Erstkommunion war ich erst mal weg, da bin ich lieber ins Kino gegangen als in die Kirche. Ich war aber immer für Bücher zu begeistern und war oft in der Borromäus-Bücherei der Kirche. Da habe ich dann einen jungen Kaplan kennengelernt, der so ganz anders war als die normalen Kirchenvertreter. Ab dann bin ich ganz schnell in der Hierarchie der Kirche hochgestiegen, bis hin zum Pfarrgemeinde-ratsvorsitzenden. Ich hatte auch überlegt Priester zu werden. Das war zur Zeit des 2. Vatikans und ich dachte jetzt bricht die Kirche auf, jetzt fällt der Zölibat. Pustekuchen, war nicht und so ganz ohne Frauen wollte ich nicht leben und deshalb bin ich erst mal ganz weg und habe den Lehrerberuf ergriffen, um Deutsch und Pädagogik zu unterrichten. Später habe ich mich dann für die sechsjährige Ausbildung zum Diakonat angemeldet, bin auch nach einigen Schwierigkeiten genommen worden, weil ich als aufmüpfig galt und in der Kirche darf man alles sein, nur nicht aufmüpfig. So war es.
PV:
Was hat sich denn für Sie als das Schwierigste an Ihrem Beruf herausgestellt?
KHD:
Für mich ist es immer mein Verhältnis zu den Oberen, zu ihrem Denken, ihrem Tun, ihrem Verhalten. Nach meinem Dafürhalten ist die Kirche zu reaktionär und zu konservativ und ich denke, dass man den Menschen das, was Kirche ausmacht, menschlich näherbringen sollte und nicht in Phrasen. Besonders fällt mir das in der normalen Sonntagsmesse auf, wenn ich die Gebete höre. Dann denke ich immer: Gott im Himmel, wer soll die verstehen, das ist theologisch alles wunderbar, aber es geht komplett an den Menschen vorbei.
PV:
Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?
KHD:
Der Kontakt mit den Menschen, wenn ich taufe, wenn ich traue oder auch wenn ich beerdige. Es gibt einfach auch schöne Beerdigungen, mit Menschen, die damit auch etwas anfangen können, die auch mit mir dann diesen Gottesdienst gestalten, das sind schöne Elemente.
PV:
Welches aktuelle Thema nervt Sie?
KHD:
Natürlich der derzeitige synodale Prozess, weil ich glaube, dass er nichts bringen wird. Ganz einfach deswegen, weil keiner einen wirklichen Fortschritt will. Insofern war ich auch vom Papst enttäuscht
PV:
Ist es richtig, einen Unterschied zwischen Glauben und Kirche zu machen?
KHD:
Ja, ich denke schon. Bei Kirche denkt man sofort an die Institution und nicht an die Menschen, die glauben und eine Gemeinde bilden.
PV:
Was hat Sie in letzter Zeit verblüfft oder überrascht?
KHD:
Überrascht? Überrascht hat mich, dass ich immer noch bei dem Laden bin. Ich habe die Bücher vom Ratzinger jetzt endlich weggeworfen, das war natürlich völlig kindisch, aber irgendwie meine kleine Rache.
PV:
Wer steht Ihnen gedanklich näher, Anselm Grün oder Dietrich Bonhoeffer?
KHD:
Anselm Grün, da bin ich näher bei Pierre Stutz, einem Schüler von ihm aus der Schweiz, der in Neuchatel so ein Einkehrer-Ding hat. Der war Priester, hat sich dann hinterher als homosexuell geoutet, und lebt und arbeitet jetzt als Autor. Er hat viele Bücher veröffentlicht und ist mir näher als Anselm Grün.
PV:
Weil?
KHD:
Ja, weil er mir vom Denken und Fühlen her näher ist. Dietrich Bonhoeffer ist natürlich mit seinen Liedern und Gedichten berühmter, klar. Ich habe seine Biografie gelesen, durch die ich trotzdem nicht verstanden habe, warum er sich nicht in Sicherheit gebracht hat, obwohl er es ja hätte tun können. Ob das immer so sinnvoll ist, sich zum Märtyrer zu machen, ich weiß es nicht. Das ist im Nachhinein auch schwierig zu bewerten.
PV:
Welche Begriffe halten Sie in der Umsetzung für besonders schwer? Ich nenne vier Begriffe: Vertrauen, Annehmen, Vergeben oder Glauben?
KHD:
Ich denke, Vergeben ist immer eine Schwierigkeit. Ich neige dazu, sehr massive Positionen zu vertreten und dann muss ich mich immer wieder zusammennehmen und sagen, ich muss den anderen so akzeptieren, wie er ist.
PV:
Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, wenn Sie an den Zustand der Menschen auf dieser Erde denken?
KHD:
Für mich ist alles irgendwie eine Bühne, ob ich jetzt in der Kirche bin, in der Schule oder im Karneval.
Zum Teil bin ich optimistisch, ich denke jetzt auch an die Corona Pandemie. Vielleicht nutzen wir sie ja auch zum Umdenken. Das müssen wir abwarten. Vielleicht verzichten wir hier in Deutschland auch mal auf einen Teil unseres Wohlstands zugunsten der Afrikaner, der Asiaten, die es nötiger haben als wir, dann würde manches besser. Die haben ja auch in Syrien zum Beispiel vieles verpennt. Statt frühzeitig einzugreifen konnte es zu einem Machtspiel zwischen Putin und Erdogan werden und die Menschen in der Mitte kriegen alles ab.
PV:
Der französische Philosoph Robert Maggiori sagte von sich, dass er zu seinen engen Freunden unter der Leidenschaft, die Sanftheit, die Geduld und die Traurigkeit zählt, welche Freunde gehören zu Ihrer Leidenschaft?
KHD:
Also einmal die Geduld, würde ich sagen, die ist ja auch typisch rheinisch. Es ist schon immer gut gegangen und wird auch gut gehen!
PV:
Und, gibt es noch was anderes, was sich dazugesellt?
KHD:
Die Sanftmut, die gefällt mir gut, weil da Sanftheit und Mut drinsteckt. Man sollte mutig sein, aber auch sanft zu den Menschen, das finde ich sehr treffend und schön.
PV:
Was ist sonst noch typisch für Sie?
KHD:
Humor.
PV:
Sind Sie Rheinländer?
KHD:
Ja. Durch und durch.
PV:
Haben Sie viel mit jungen Menschen zu tun?
KHD:
Ja, als Lehrer hatte ich natürlich bis voriges Jahr im August ganz viel mit jungen Menschen zu tun. In der Kirche auch, aber nicht mehr so viel. Ich hatte vorher Religion in der Oberstufe, war dann mit den Schülern im Kloster und das war immer eine schöne Sache.
PV:
Was empfehlen Sie denen, wenn die sagen, ich würde auch gerne Diakon werden?
KHD:
Schwierig, ganz schwierig, weil die Ausbildung sechs Jahre dauert, vier Jahre bis zur Weihe, dann noch mal zwei Jahre. Mittlerweile wurde das Prozedere umgestellt. Dennoch muss man sehr viel aushalten können.
PV:
Was genau?
KHD:
Die Strukturen, die keine Rücksicht nehmen auf die Individualität des Einzelnen. Die wollen einen formen und man muss genau so laufen und wenn nicht, dann muss man gute Fürsprecher haben, so wie ich damals den Weihbischof Frotz hatte, der seine schützende Hand über mich gehalten hat, sodass ich am Ende doch geweiht werden konnte. Man wird ja geweiht, man kann sich das nicht verdienen, sondern es ist eine zugeteilte Gnade, über die der Bischof entscheidet. Wenn der sagt NEIN, dann ist man raus.
PV:
Das heißt, man muss sich sehr, sehr sicher sein!
KHD:
Sehr sicher sein und auch mitunter die Klappe halten. Das war das Schwierigste für mich.
PV:
Geht es um Disziplin?
KHD:
Ja. Wir waren da in einer Ausbildungsgruppe mit sehr unterschiedlichen Menschen, vom Handwerker bis zum Lehrer und sehr eng zusammen, so dass wir uns heute noch immer einmal im Jahr zu einer Weiterbildung treffen, eine Woche Exerzitien und das machen wir jetzt eben schon seit 31 Jahren.
PV:
Was sollte man für Ihren Beruf mitbringen?
KHD:
Tja, wir sprechen ja nicht umsonst von einer Berufung.
PV:
Ist das der Weg mit Gott oder der mit der Kirche?
KHD:
Beides. In der Kirche, also der Versammlung der Menschen, finde ich ja Gott in der Gemeinschaft, in der Kontemplation, im Gebet.
PV:
Sollte man denn Menschen mögen?
KHD:
Aber sicher. Das muss man in jedem Beruf. Ich war Lehrer und als Lehrer muss man auch Kinder mögen, sonst ist man falsch da wo man ist.
PV:
Wir haben das vorhin schon mal kurz angesprochen, sind Versöhnung, Vergebung oder Mitgefühl die größten Herausforderungen für die Menschen in unserer Zeit?
KHD:
Ich denke ja.
PV:
Gibt es eine Verbindung zwischen weniger Mitgefühl und Wohlstand?
KHD:
Ich hoffe nicht.
PV:
Und wie erleben Sie es?
KHD:
Wir leben hier in einem relativ, sagen wir mal wohlständigen Bereich und haben sehr gute Spendenergebnisse.
PV:
Sind Spenden denn gleich Mitgefühl?
KHD:
Ich denke ja. Da kommt schon eine Menge Geld zusammen und das hat immer einen sehr persönlichen Grund. Unserer Gemeinde unterstützt zum Beispiel seit Jahren ein Krankenhauses in Tansania, in Nyangao. Dort arbeitet eine deutsche Benediktinerin als Ärztin und diese Arbeit wird ganz intensiv von der Gemeinde mitgetragen.
PV:
Was machen Sie am liebsten in Ihrem Leben?
KHD:
Also am liebsten mache ich Urlaub, (Lachen)
PV:
Gibt es jemanden, mit dem Sie gerne tauschen würden?
KHD:
Nee. Nicht, dass ich wüsste.
PV:
Gibt es jemanden, den Sie von Herzen bewundern?
KHD:
Man kann sich das nicht verdienen, sondern es ist eine zugeteilte Gnade.
Da muss ich erst mal überlegen, es gibt natürlich Menschen wie Dom Hélder Camara, den fand ich immer sehr bewunderswert, Johannes XXIII war ein Vorbild für mich oder Karl Klinkhammer, er war ein streitbarer Priester. Er hat auch mit der Kirche gestritten, weshalb man hat ihn nicht gut behandel und ihm eine Arbeitergemeinde ohne Kirche gegeben hat. Was hat er gemacht? Er hat aus einem Bunker eine Kirche gebaut. Diesen Charly Klinkhammer habe ich noch persönlich kennengelernt. Er lebte ganz einfach, im Bunker selbst und war bis zuletzt eine faszinierende Persönlichkeit, aber streitbare, Persönlichkeit.
PV:
Sie sind im Düsseldorfer Karneval sehr engagiert. Wie passt das ins Bild?
KHD:
(Lacht.) Erstens mit Humor und zweitens ist für mich alles irgendwie eine Bühne, ob ich jetzt in der Kirche bin, in der Schule oder im Karneval. Ich bringe den Menschen Humor und mit dem Humor eben auch gute Laune. Es gibt im Karneval ein großes Maß an Gemeinschaft, sicher gibt es auch Krempel, aber das ist in jedem Club so. Und Karneval hat ja in der Regel auch immer einen sozialen Aspekt. Unsere Bäuerinnen sammeln für die Tafel und da kommt eine Menge Geld zusammen und das finde ich toll. In unserem Verein tragen wir auch keine Uniformen, wir tragen Kittel und Holzschuhe und als ich damals da eingetreten bin, habe ich gesagt: „Was gibt es noch jeckeres als Kirche? Den Karneval!“
PV:
Was für ein Superschlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.
 
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