Hans Berlin und Matthias Ross

Bierbrauer

Aus leidenschaftlichen Biertrinkern sind leidenschaftliche Gründer und Bierbrauer geworden, die ein Friedensbier erfunden und auf den Markt gebracht haben.

PV:
​Ihr habt Euch von leidenschaftlichen Biertrinkern zu leidenschaftlichen Bierbrauern entwickelt oder steckt was anderes dahinter?
HB:
Der größte Gewinn ist, dass wir jetzt selber frei und eigenverantwortlich entscheiden können.
Tatsächlich waren wir schon immer leidenschaftliche Biertrinker. Schon im Studium haben wir gerne Craft-Biere probiert. Im Sommer 2014 kamen wir dann in der Düsseldorfer Altstadt bei ein paar Bierchen zu viel auf die Idee, ein eigenes Bier zu brauen. An diesem Abend waren wir mit Kölnern und Düsseldorfern unterwegs und irgendwann drehte sich alles um die alt bekannten Vorurteile und natürlich Kölsch oder Alt, welches Bier schmeckt besser? Wir mögen beide Biere gerne und an jenem Abend wünschten wir uns ein Friedensbier, mit den besten Eigenschaften aus beiden Bieren.
PV:
Was ist das Geheimnis der guten Partnerschaft, die Ihr ja ganz offensichtlich habt?
MR:
Wir kennen uns schon aus dem Studium. Haben dann ein paar Jahre in der Werbung als Kreativteam zusammengearbeitet und wussten, was der Eine und der Andere kann und stellten schnell fest, dass wir uns gut ergänzen. Das haben wir dann immer mehr gefestigt.
HB:
Wir brennen für költ vom ersten Tag der Idee an, sind motiviert, überzeugt und haben auch noch Spaß dabei, das verbindet.
PV:
Ihr habt inzwischen beide Eure Jobs aufgegeben. Was ist der größte Verlust und was ist der größte Gewinn dieser Entscheidung?
MR:
Der größte Gewinn ist einfach die Zeit, die wir jetzt aufbringen und zielgerichtet investieren können. Als wir noch im anderen Beruf waren, haben wir für költ vor und nach der Arbeit und am Wochende Tag und Nacht gearbeitet.
PV:
Noch irgendein Aspekt?
HB:
Der größte Gewinn ist, dass wir jetzt selber frei und eigenverantwortlich entscheiden können. In einer großen Netzwerkagentur wie die, in der wir gearbeitet haben, sterben viele gute Ideen durch lange Entscheidungsprozesse. Alles dreht sich mehrmals im Kreis bis man oft wieder am Anfang steht. Jetzt arbeiten wir durchgehend, nehmen Entscheidungen mit ins Bett oder fällen sie mitten in der Nacht. Obwohl wir jetzt unser eigenes Feierabendbier haben, vermissen wir manchmal den klassischen Feierabend.
PV:
Was habt Ihr für ein Verhältnis zum Geld?
HB:
Eher ein flüchtiges. Man sieht es nur kurz. Wenn Geld reinkommt wird es sofort wieder investiert. Doch wir hatten Glück und erhielten mit unserer Idee das Gründerstipendium NRW, mit dem wir die Grundkosten decken. Aber unser Antrieb ist auch nicht das Geld, ehrlich gesagt. Jeder hätte sich im Vorfeld gefragt, ob auf dem ohnehin gesättigten Biermarkt überhaupt ein neues Bier benötigt wird. Es gibt da sicherlich leichtere Branchen. Wir haben es einfach gemacht, weil wir Lust drauf hatten. Wir hatten Lust ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen, das es so noch nie gegeben hat. Und vor allem Lust für uns selbst zu arbeiten und da war Geld eher zweitrangig.
PV:
​​​Jetzt kommt Ihr ja aus einem ganz anderen Gewerbe, aus dem Design. Welche Kompetenzen bringt Ihr für den Bierbrauprozess mit?
MR:
Vom Brauen hatten wir anfangs gar nicht so viel Ahnung, die haben wir uns durch einen Braumeister, Kurse und Seminare dann angeeignet.
HB:
Weil wir beide Designer sind, ist ein Drang zur Perfektion schon das, was wir mitbringen. Unsere Liebe zum Detail sieht man an der Flasche, dem Logodesign, das den Kölner Dom und den Düsseldorfer Rheinturm in einer Gerstenähre vereint, bis hin zur Farbe des Biers, die nur mittels natürlichen Malzsorten definiert wurde. Für den Geschmack haben wir viele Testsude gebraut und immer wieder verkostet und angepasst. Diesen Perfektions-anspruch schmecken und sehen hoffentlich auch andere.
PV:
Es sieht hochwertig aus.
HB:
Ja, und das trotz aller Richtlinien, die man einhalten muss. Wir mussten einen Weg finden, der unser Produkt mehrwegfähig macht und sich dennoch von der Masse abhebt. Die ersten Etiketten wurden noch von Hand geklebt und als limitierte Flaschen bei einer Crowdfunding-Kampagne verkauft. Leider war eine 1:1 Adaption für die maschinelle Abfüllung undenkbar. Also mussten wir kreativ werden und tricksen.​
PV:
Sieht eigen aus. Und nach gutem Handwerk.
HB:
Ja, das ist unser Anspruch. Das Wichtigste dabei war Köln und Düsseldorf im Etikett miteinander zu verbinden.
MR:
Und wir mussten eine Bierfarbe erreichen, die nicht zu hell und nicht zu dunkel sein durfte, weil wir genau zwischen Kölsch und Alt liegen wollten. Und das ist ja auch ein Designaspekt, den man beim Bier berücksichtigen kann.
PV:
Steigt der eigene Bierkonsum, wenn man Bierbrauer geworden ist?
HB:
Wenn Geld reinkommt wird es sofort wieder investiert.
Wir trinken jetzt bewusster. Wir achten mehr darauf, was wir für Biere trinken. Es gibt Biere, die trinken wir nicht mehr, weil wir jetzt wissen, wie sie hergestellt werden. Filtration durch Granulate und auch Extrakte gehören für uns nicht in ein gutes Bier. Also dieser Biergenuss um mal den Durst zu stillen, ging ein bisschen verloren.
PV:
Seid Ihr geborene Unternehmer? Liegt Euch das im Blut?
HB:
Meine Familie war tatsächlich vor langer Zeit mal im Besitz einer Brauerei, die Kloster-Brauerei Pröpsting in Hamm. Aber davor habe ich nie, bis auf einen mit 6 Gläsern, der lange zeit im Keller stand, etwas mitbekommen oder gesehen.
PV:
Seid Ihr Realisten, Idealisten, Romantiker?
MR:
Ich glaube von allem ein bisschen. Realistisch muss man auf jeden Fall denken und vor allem rechnen. Romantisch ist die ganze Idee, die wir hatten.
HB:
Es ist wie Matthias sagt, die Idee, Köln und Düsseldorf mit einem Bier zu verbinden, ist wirklich romantisch. Aber man muss das Ganze auch realistisch sehen. Wir erarbeiten uns gerade viele neue Märkte, die muss man abtelefonieren, Lieferketten schaffen und verknüpfen. Ohne eine funktionierende Logistik kann man in manchen Gebieten noch nicht verkaufen, auch wenn die Nachfrage besteht.
PV:
Wie sehen Eure Vorstellungen von Erfolg aus?
HB:
​Das költ überzeugt, sich als Biermarke etabliert und im Rheinland und darüber hinaus als Friedensbier verstanden wird. Als wir mit dem Businessplan begonnen haben merkten wir, dass es kein leichter Weg wird. Wichtig war, dass wir Spaß an dem Weg haben und nicht nur an ein erfolgreiches Ziel denken. Denn ein richtiges Ziel gibt es nie. Erfolge sind für uns die Etappensiege, ein neuer Markt, eine schöne Platzierung oder Kunden, die uns persönlich schreiben.
PV:
Habt ihr auch zwischendurch mal das Gefühl gehabt, das lassen wir jetzt sein? Wir können nicht mehr, wir wollen nicht mehr, gab es Zweifel?
HB:
Wir hatten Lust ein eigenes Produkt auf den Markt zu bringen, das es so noch nie gegeben hat.
Doch schon. Klar gibt es diese Momente, aber toll ist, es ändert sich dann oft mit nur einem Anruf, der aus einer ganz anderen Richtung kommt. Man muss schnell lernen die Aufs und Abs zu genießen. Im Nachhinein, denken wir oft, Irgendwie ist das alles gut seinen Weg gegangen und auch Fehler ergaben einen Sinn. Das Gute war die Sicherheit, die uns der feste Job in der Anfangsphase noch gab. Wir konnten ja nur gewinnen, zumindest an Erfahrung. Wir haben lange genug geträumt von unserer Idee, bis sie auf einmal mit der ersten Abfüllung im Oktober Wirklichkeit wurde.
PV:
Umso schöner, dass Ihr das geschafft habt. In welcher Phase hattet Ihr denn den meisten Spaß?
MR:
In der Crowdfundingphase, als auf einmal die großen Medien anriefen und plötzlich die Einladung von REWE kam. Die ganzen Postings auf Instagram und Facebook zeigen, glaube ich, ganz gut, wie spannend diese Phase war.
PV:
​​​Ihr habt einen 3 minütigen Crowdfundingfilm gemacht, wozu?
HB:
Wir trinken jetzt bewusster.
Wir wollten testen ob die Idee auch anderen schmeckt. In dem Film steckte eine ganze Menge Arbeit, aber wir wussten auch, dass wir nur die eine Chance hatten. Wir gaben den Unterstützern das Versprechen, wenn wir das Finanzierungsziel erreichen, bringen wir költ auf den Markt. Bevor wir den Film öffentlich gemacht haben kannte kaum einer das Projekt. Auf einmal waren wir überall in der Presse. Das hat uns natürlich sehr geholfen und wir bekamen schnell die Finanzierungssumme zusammen.
PV:
Habt Ihr während dieses ganzen Prozesses ganz neue Seiten an Euch entdeckt oder erlebt?
HB:
Total, die ganze Einstellung hat sich geändert. Wir sind vor allem selbstbewusster geworden. Dazu zählen besonders das schnelle treffen von Entscheidungen, die tägliche Disziplin, das Durchhaltevermögen und hin und wieder zurückzublicken, inne zu halten und all das auch bewusst zu genießen.
PV:
Wer stärkt Euch den Rücken, wenn Ihr beide ein Tief habt?
MR:
Freundin, Familie, Freunde.
PV:
Wie begegnet Ihr Unkenrufen, dass Ihr ein Trendbier gemacht habt? Dass das gar keine Zukunft haben kann? Wie reagiert Ihr darauf?
HB:
Also erst mal, wir freuen uns über jeden Kommentar, denn die Reichweite bringt uns immer weiter und gerade ein Trendbier hat Zukunft. Wir müssen nur im Gespräch bleiben, aber gut, dass der Streit am Rhein genug Potential dafür bietet. Für uns ist költ ein ganz junges Produkt, es hat auch einen neuen eigenständigen Geschmack und das finden auch unsere Fans. Aber auch wenn költ die tausendste Biermarke ist, wir machen es trotzdem. Viele freuen sich darüber, viele trinken es regelmäßig und viele warten noch drauf.
MR:
Der Streit am Rhein, zwischen Düsseldorf und Köln, den hat ja auch bis jetzt keiner kleingekriegt, also wir arbeiten daran.
PV:
​​​Bei den Erfahrungen, die Ihr bislang gemacht habt, würdet Ihr jungen Menschen die Selbstständigkeit empfehlen?
HB:
Ja, sogar direkt nach dem Studium, weil man da noch unbefangener ist und größer träumt. Ein festes Gehalt ist natürlich schön, aber man gewöhnt sich dran und riskiert weniger. In großen Unternehmen lernt man schnell Strukturen und Prozesse, die nichts mit der Realität in einem Startup zu tun haben. Dort zählt eher das kreative Improvisieren. Also genau das, was man als Student eigentlich drauf hat. Deshalb ist meine Empfehlung, gründet direkt nach dem Studium, muss ja nichts Großes sein, nichts kapitalintensives, aber allein um es mal gemacht zu haben. Es gibt auch viele gute Förderprogramme fürs Grunden direkt aus dem Studium heraus.
PV:
költ in 10 Jahren, wie sieht das aus?
HB:
költ in 10 Jahren ist vielleicht das Tastingbrett, was dort an der Wand hängt. Es zeigt unsere Vision, dass eines Tages Kölsch, költ und Alt als Tasting-Flight gleichermaßen getrunken wird. Wir sind schließlich nicht gegen Kölsch oder Alt, sondern für ein verbindendes Element. Vielleicht ist költ aber auch in 10 Jahren das schnellste Verkehrsmittel von köln nach Düsseldorf.
MR:
Wer weiß das schon. Da wollen wir uns mal nicht festlegen.
PV:
Hans, Matthias, vielen dank für das Gespräch.
 
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https://www.koeltbier.de/